zu Judas Iskariot

Markus erzählt im dritten Kapitel von der Berufung einer Reihe von Männern durch den kurz zuvor in der Öffentlichkeit aufgetretenen Rabbi Jesus. Ihre Berufung erfolgt unter dem Aspekt ihrer späteren Aussendung als Botschafter seiner Lehre vom Reich Gottes. Einige der Männer erhalten mit ihrem Eintritt in ihre neue Funktion einen neuen Namen. Markus zählt diese ‘Auszusendenden’ oder ‘Apostel’ der Reihe nach auf. Es sind zwölf an der Zahl. Als letzter wird ein Judas Iskariot genannt. Er erhält keinen neuen Namen, sondern vom Berichterstatter den Zusatz, „der ihn (auch) ausgeliefert hat“.
Die Frage, warum Jesus diesen Menschen in seine Nachfolge geholt und als Apostel ausgewählt hat, ist bis heute unbeantwortbar geblieben. An ihr hängen zwei menschliche Dramen, das Drama des Menschensohnes Jesu, und die Tragödie eines Mannes, der durch die ihm zugewiesene Rolle in einen elenden Tod, in ein suizidales Ende hineingerissen wurde.
Zur Rechtfertigung des Judas ist vieles zu sagen, was im Laufe der Geschichte auch gesagt, aber in der orthodoxen Tradition wenig aufgenommen, eher als Häresie, als Irreführung zurückgewiesen worden ist.
Man hat ohne nachhaltigen Erfolg darauf aufmerksam gemacht, dass der griechische Originaltext, streng genommen, nicht von einem ‚Verrat’ des Judas spricht. Der zwölfte Jünger hat seinen Herrn an die jüdische Obrigkeit ‚ausgeliefert’. Diese Auslieferung sollte Jesus dazu bringen, sich als Messias zu offenbaren. Judas war ein Eiferer, wahrscheinlich auch ein politischer Eiferer mit revolutionären Ambitionen. Solche Leute nannte man damals ‚Zeloten’.
Für seinen Eifer, für seine auf Umsturz drängende Ungeduld hat er bitter büßen müssen, nicht nur mit seinem Leben damals, sondern bis heute auch mit seinem Ruf. Seine Rehabilitation steht immer noch aus. Es ist die Frage, ob sie unter den Auspizien und Voraussetzungen einer konventionellen Religiosität und Gläubigkeit  überhaupt gelingen kann.
Andrerseits steht fest: so lange der Fall Judas im Zwielicht bleibt, bleibt auch an der Sache Jesu ein Makel hängen. Ist Jesus an dem Menschen Judas schuldig geworden, dadurch dass er ihn an sich scheitern ließ? Sollte Judas der erste Märtyrer der jesuanischen Bewegung gewesen sein?
Christliche Judenfeindschaft und eine falsche Verklärung der Person Jesu sind zwei Tendenzen, die sich aus diesem versteckten Makel ergeben haben.
Es liegt auf der Hand, dass der heilsgeschichtlich notwendige Opfertod Jesu ohne die Beihilfe des Judas nicht möglich gewesen wäre. Beider Schicksalsstränge sind unauflöslich ineinander verstrickt. Es könnte sein, dass Jesus schon sehr früh, vielleicht von vornherein den Judas dazu ausersehen hatte, ihm bei seinem Vorhaben dienlich zu sein in der Weise, zu der es dann auch gekommen ist.
Als Schatzmeister, Verwalter der eingehenden Spenden war er in eine Position geschoben, die ihn zu einem rechnerischen und pragmatischen Umgang mit Realität nötigte. Warum hat Jesus ihn in dieses prekäre, ja korrumpierende Amt eingesetzt, und warum keinen Andreas oder Simon Petrus?
Sofern er bereits eine problematische Veranlagung, ein problematisches Naturell mitbrachte, vielleicht hätte ihn ein neuer Name, eine Umbenennung retten können, wie das etwa bei Simon geschah, der dann Petrus hieß.

Die durch das Amt des Schatzmeisters bedingte unselige Verquickung von Geld, Politik und Himmelreichsverkündigung war womöglich von Judas selbst gewollt. Sein Rabbi aber, ein unvergleichlicher Seelenkenner, hätte ihn in seinem Streben durch Erteilung dieses Amtes nicht unterstützen sollen. Es sei denn, er hätte dabei sehr genau gewusst, was er tat, nicht nur in eigener Sache, sondern auch im Hinblick auf Leben und Tod dessen, den er da herangezogen hatte.
Judas war eine Brückenfunktion zugewiesen, an der er letztlich zerbrach und scheitern musste, um der Erfüllung der jesuanischen Mission willen.
Ohne Judas wäre Jesus nicht als “Lamm Gottes”auf Golgatha geopfert worden. Man wird ihm nicht den Titel eines Opferpriesters zuerkennen wollen (den der Verfasser des Hebräerbriefes für Jesus selbst reserviert hat). Aber ohne seinen Beitrag, ohne seine Mittäterschaft, für die er – freiwillig oder unfreiwillig – sein Leben einsetzte und verlor, wie sein Herr und Meister, also ohne dieses Mitwirken hätte auch Jesu Erlösungstat  s o  nicht stattfinden können.

All diese Dinge sind seit jeher längst bekannt. Auch die Verschlingung und Verstrickung beider Schicksal ist schon in den Anfängen der Kirche gespürt, ja gewusst, zugleich aber mit außerordentlicher Heftigkeit abgewehrt worden.
Es hat in der gnostischen Epoche, in der stürmischen Frühzeit der Christenheit, Versuche gegeben, Judas zum eigentlichen Heiland zu stilisieren. Aber auch schon in viel bescheideneren Ansätzen wurde jede Anwaltschaft im Falle Judas rigoros zurückgewiesen, verurteilt, verdammt. Diese Strategie der Vereinfachung, der Ausblendung, der Aburteilung hat sich schon sehr früh, noch zu Lebzeiten der Apostel durchsetzen können. Eine Verdammungspraxis, der zum Beispiel auch Simon Magus zum Opfer gefallen ist. Und nach ihm im Ungeist inquisitorischer Gesinnung, Tausende und Abertausende unschuldiger Menschen.

Weshalb brauchte Jesus den Judas – und wozu brauchte er ihn?
Hätte Jesus seinen Opfergang nicht auch ohne die negative Vermittlung eines ‚agent provocateur’ durchführen können? Was könnten Jesu Beweggründe gewesen sein, einen anderen Menschen, eine Person wie Judas in seinen Leidensweg mit hineinzuziehen und ihn in eine Schuld zu verstricken, die mit dem Selbstmord des „Schuldigen“ endete, ja enden musste? Und wie groß ist Jesu Verschulden an diesem Schuldigwerden des Judas?

Wenn es so ist, dass Jesus faktisch auch ohne das Mitwirken des Judas von der Obrigkeit hätte gefangen genommen und hingerichtet werden können, was hat dann die Zwischenschaltung einer Mittelsperson auf der symbolischen Ebene zu bedeuten? Sie ist offensichtlich ausschließlich symbolisch gemeint und auch nur so zu verstehen. In praxi war der so genannte ‚Verrat’ des Judas, wie gesagt, gar nicht nötig, um Jesus an Kreuz zu bringen. Warum musste da ein Mensch, der gewisse Fähigkeiten zum Verwalten und Organisieren mitbrachte, in der Welt, aus der ihn Jesus herausgerufen hatte, ein ordentliches Leben hätte führen können, nun aber am Rande der messianischen Karriere Jesu mitgeschleift werden und zu einem so erbärmlichen Ende kommen?

Tiefenpsychologisch stellt Judas einen anderen Aspekt des Erlösers dar, die Kehrseite Jesu. Auch diese Sicht ist längst bekannt. Aber hilft sie weiter?
Es könnte sein, dass Jesus den Judas und sich selbst opferte, um weiterzuhelfen. Aber die christliche Welt hat nur einen Blick für den verklärten Mann aus Nazareth gehabt, vom dem verdüsterten Mann aus Iskariot hat sie sich mit Schaudern abgewandt. Er verkörpert den in jedem Gläubigen zurückgehaltenen Vorwurf der Weltfremdheit, der gegen den Bergprediger immer wieder erhoben worden ist.
Als Kassierer und Ökonom der Gruppe um Jesus ist er stärker als die anderen, die ihm solch ein Amt gern überlassen haben, involviert in die Geschäfte dieser Welt und kontaminiert durch die Materie, die durch seine Hände geht. Er kann sich, quasi von Amts wegen, nicht damit herausreden, dass dem Kaiser zu geben sei, was des Kaisers ist. Aus haushälterischen Erwägungen nimmt er daher auch Anstoß an der Verschwendung, die eine Frau aus der Gruppe, die ekstatische Maria Magdalena, mit einem Gefäß mit kostbarem Nardenöl betreibt. Gerade weil es nicht sein eigenes Geld ist, das er verwaltet, sondern das der Gruppe, ist er legitimiert zu einer besonnenen Ökonomie. Der gegen ihn später erhobene Vorwurf des Geizes ist ungerecht und geht daneben wie der Vorwurf, er habe Geld unterschlagen.

Wie schon von anderer Seite bemerkt: es ging dem Judas um die Herbeiführung des von Jesus verkündigten und angekündigten Gottesreiches. Die Festnahme Jesu gab da die Nagelprobe ab und sollte diesen veranlassen, sich zu seiner Messianität zu bekennen. Das Reich Gottes, das wusste auch Judas, konnte nicht von dieser Welt sein. Aber es sollte nicht außer dieser Welt bleiben, sondern sich in ihr verwirklichen.
Im Hinblick auf seine Ungeduld war Judas ein politischer Heißsporn, aber sein Wunsch, die jesuanische Idee umzusetzen, Wirklichkeit werden zu lassen in dieser Welt und Zeit, charakterisiert ihn als einen politischen Menschen.
Die Verfemung und Verleumdung dieser Ansätze hat dazu beigetragen, das Reich, das Jesus propagierte, als eine bloße Vertröstung und schöne Jenseitshoffnung erscheinen zu lassen. Aus einer kraftvollen Utopie ist mit dem Verzicht auf die von Judas erhoffte Umsetzung eine Fata Morgana geworden. Das ‚Reich’ steht im Verdacht, einer unrealistischen, bloß gepredigten und propagierten Dimension zuzugehören. Als klammerte es die echten Lebenswelten aus, von denen es seinerseits wiederum ausgegrenzt erscheint.
Tatsächlich liefert die okzidentale Geistesgeschichte nicht nur christlicher, sondern auch platonischer Prägung, den Beweis dafür, wie rasch Weltfremdheit in Weltfeindlichkeit umschlagen kann.

Von dem Täufer Johannes ist ein auf Jesus gemünzter Spruch überliefert: „Er nimmt zu, ich nehme ab.“ Johannes 3,10. Ähnlich gilt für das Verhältnis von Jesus und Judas: in dem Maße, in dem Jesus überhöht (und damit dem irdischen Leben) entrückt wurde, in dem Maße erlitt und erleidet Judas Erniedrigung und Verteufelung. Es ist dringend geboten, die Leidensmänner Judas und Jesus zusammenzusehen.
Sie leiden nicht an einander, sie ergänzen einander.
Hier setzt übrigens das allerdings durch nichts zu beweisende Gerücht an, beide hätten bis zum bitteren Ende in Absprache miteinander gehandelt. Nein, ihre nicht enden wollende Pein besteht wohl eher darin, dass ihr Verhältnis wechselseitiger Bedingung und Ergänzung immer wieder verkannt und auseinander gerissen wird. Gerne kämen sie in den Herzen und Köpfen der Menschen zusammen. Wenn wir das allesamt zulassen könnten, dann wäre vielleicht ein großer Schritt und Fortschritt im Heilsgeschehen getan. Wir wären dann gewiss erlöster als jetzt und ein gutes Stück weiter auf dem Wege zur vollständigen Wiederherstellung der Schöpfung, jenem wünschenswerten Finale nähergekommen, das Origenes mit ‘Apokatástasis’ bezeichnet. Denn ein wirklich ungetrübtes Gottes- und Himmelreich bedarf der vollständigen Restitution aller Dinge. Sie muss total sein und eine Rehabilitation, ja Wiedereinsetzung der einst gestürzten und gefallenen Engel und Mächte, also auch des Satans, mit einschließen.