Senfkornglaube 2

Der Glaube, der dem Senfkorn einwohnt, ist ein durchbrechender, ein prinzipiell durch nichts zu hemmender, durch nichts zu nehmender, leider aber auch blinder und unsinniger Glaube. Diesen Sachverhalt erläutert Matthäus 17, 19-21.

Dort wird dem naturwüchsigen und ebenso unkontrollierbaren wie unkontrollierten Glauben, der sich mit der unsinnigen Tätigkeit abgibt, Berge zu versetzen, die oligopistía, die Kleingläubigkeit der Jünger gegenüber gehalten. Die Jünger beklagen sich, dass es ihnen nicht gegeben ist, einen bösen Geist auszutreiben, der erst auf Jesu Intervention den besessenen Knaben verlässt. Wer hätte nicht gerne Herrschaft über die Geister? Wer träumt nicht davon, den engen und durchlöcherten Bereich eigener Macht zu befestigen, abzudichten und auszudehnen über die eigenen Körper- und Seelengrenzen hinaus?

Das Verlangen nach Macht, nicht nur im Materiellen, sondern auch in den spirituellen Sphären ist ungeheuer, ja maßlos mächtig. Frühe und tief eingelagerte Ohnmachtserfahrungen treiben dazu, Positionen einzunehmen, Ränge zu besetzen, in denen es keinen Zugriff der Ohnmacht gibt, wo ein Übergriff fremder und mutmaßlich feindlicher Mächte nicht stattfinden kann. Machtstreben und Bemächtigungstendenzen zeigen sich als ein unentwegtes Greifen nach Strohhalmen, als Lebenskräfte im Dienst verkehrter Ziele und verengter Vorstellungen.

In solch einem entgleitenden Begehren zeichnen sich Lebensängste ab, nicht der Lebensmut, den das Senfkorn symbolisiert. Es wächst und strebt empor und hinaus ins Weite, bekommt, wie die Bäume und mehr noch als sie, in seiner Krone eine Tiefe zu fassen, einen Raum, in dem der Himmel wohnt samt seinen Geschöpfen.

Ein mitreißendes Bild: das Senfkorn als Same einer baumgleichen Urpflanze, als winzige Partikel oder Entität, in der alle Lebenskräfte als Glaubenskräfte geballt sind. Ein Kern, aus dem entlassen sie den Himmel, das Reich der Himmel einfangen.

Dieser esoterischen oder endogenen Dimension und Dynamik entsprechend entbehrt der aus einem winzigen Samen aufgehende Senfbaum jeder botanischen Realität.

Reisende haben im alten Palästina zwar hin und wieder großwüchsige Senfpflanzen ausfindig machen wollen. Aber die Suche danach und die Versuche, dies imaginäre Gewächs in der seinerzeit biblischen Landschaft feststellen zu wollen, sind so vergeblich wie die Forschungen nach dem eintägigen Rankengewächs, das einst dem Jona Schirm und Schatten gab.

Das Gleichnis vom Senfkorn knüpft an der Naturwüchsigkeit von Glauben an. Glaube als vielleicht nicht nur vitale, also auf das Leben bezogene Energie, sondern kosmische Dynamik, die den Molekülen und Atomen ebenso einwohnt, wie den Senfkörnern oder den mikroskopischen Organismen, aus denen Sauerteig aufgeht.

 Bei Menschen jedoch liegen die Dinge anscheinend anders.
Genau das gibt Jesu sehnsüchtige und überaus poetisch wirkende Ausmalung des Senfkornbildes zu verstehen. Humaner Glaube, der aufs Reich der Himmel hinausgeht oder vielmehr in dieses einführen könnte, ist in Wirklichkeit von einem anderen Schlag:
In das machtvolle Werden einer menschlichen Person sind Zustände und Auftritte von Ohnmacht eingelassen, Blockierungen, Kavernen, Brüche und Brechungen, die ein harmonisches Strömen der Lebenskräfte immer wieder hemmen und stören.
Da geht es niemals so glatt wie beim Senfbaum jesuanischer Imagination. Christliches Glaubensleben ist vom jesuanischen Senfbaum so weit entfernt wie wissenschaftliche Forschung vom Baum der Erkenntnis.

In der gelebten Wirklichkeit hat Glaube, wie es scheint, eher mit Umformung, mit Dämpfung oder sogar Brechung natürlicher und naturwüchsiger Triebe und Strebekräfte zu tun. Alles muss durch Erfahrungen von Ohnmacht hindurch, wie Kamele durchs Nadelöhr.

Übrigens zeigt sich auch beim Senfkorn, das zum Baum wird, bei näherem Hinsehen eine Schwelle, durch die es hindurch muss, eine Passage, ein passagerer Abgrund. Er ist vergleichbar der Kluft, die beim Menschen das Sterben als schwerste und triftigste Ohnmachtserfahrung eröffnet.

 Zur Ohnmacht:
eine humane Grundgegebenheit, ein Sensorium, das die tiefsten mitmenschlichen Erfahrungen ermöglicht.
Macht und Bemächtigungsdrang sind im Prinzip unsolidarische, unsoziale, eigentlich menschenfeindliche Strebungen.

Daher sollten sie alle in Erinnerung bleiben, die Wege in tiefste Ohnmachten samt denjenigen, die sie angetreten haben: die Gänge über Golgatha und Auschwitz, Sonderbehandlung und Massenvernichtung, die anonymen Torturen, Erniedrigungen und unendlich sich fortsetzenden Geiselnahmen, die seit jeher tagtäglich allnächtlich durchlitten werden.

Die Vermutung, dass Gott, wenn es ihn denn gibt, dort und in ihnen ist, lebendiger und leibhaftiger als in den Herrschaften, Mächten und Gewalten, also in den Überwältigten, in den Opfern Ohnmacht beweist, hat mehr für sich. Sie scheint eines höchsten Wesens, eines Gottes, wie ihn die Evangelien verkünden, würdiger als jede Annahme einer primär all-mächtigen Instanz, wie von orthodoxer Theologie immer wieder ausgedacht, von orthodoxer Gläubigkeit immer wieder gefordert.