Kabbala – weitere Sätze dazu

Kabbala als Kunst des Empfangens und Weitergebens, als Stoffwechsel.

Nicht die kabbalistischen Weltbilder, Systeme und kosmogonischen Vorstellungen sind entscheidend – sie wandeln sich ja unaufhörlich im Prozess des Tradierens, manchmal dürr, manchmal abenteuerlich – sondern entscheidend sind die Modi des Empfangens, des Durchgehens und des anschließenden Aussonderns. 

Erinnern und Vergessen, Merken und Tilgen, Einfügen und Streichen, also gelegentlich fast redaktionell anmutende Maßnahmen.

Aufnehmen und integrieren sind die beiden Seiten einer Münze. Aussondern und Überliefern, oder Ausscheiden und Weitergeben gehören zusammen.

Der kabbalistische oder Stoffwechselprozess erfasst alles und jedes:

Inhalte werden zu Mitteilungen, Gegebenes und Zugefallenes lagert sich einwärts, im Inneren ab.

Das Innere hat seine Vorhänge, die durch das kabbalistische Prinzip aufgezogen und zugezogen werden.

Sichtbar und unsichtbar, offenkundig und insgeheim sind Funktionen oder Mechanismen der Kabbala.

Das Innere – was hält die Welt, was hält einen Menschen im Innersten zusammen?

Sind es Affinitäten, Sympathien, Kohäsionen?
Sind es gleichsam magnetische Kräfte oder eher wie Gravitation?

Das Innere befindet sich in unaufhörlichem Durchgang. Das ist Kabbala.

Von Aristoteles rührt der Ausdruck esoterisch.

Er bezeichnet die um dieses Innere kreisenden Lehren: éso = innen, einwärts.

Aristoteles spielt mit diesem Ausdruck zunächst auf den engeren Schülerkreis eines charismatischen Gelehrten an, nämlich auf den inner circle des Pythagoras.

Um dieses ebenso rätselhafte wie fragwürdige Innen zu profilieren, ist ein dazu korrespondierendes Außen ersonnen oder konstruiert worden:

im exoterischen Raum gibt es ein größeres Publikum, dessen Interessen eher praktischer Art sind.

Aber auch sie, obwohl in der Mehrzahl auswärts orientiert, in einem sehr einleuchtenden Sinne weltoffen, spielen oder agieren mit im kabbalistischen Prozess, der das Weltganze bis in seine kleinsten Teile und Bruchstücke erfasst und durchdringt.

Esoterisch und exoterisch sind relationale Bestimmungen.

Was einer Person als das Höchste und Innerste erscheint, bildet für eine andere Trittbrett, Griff oder Grundlage zum Aufschwung in Dimensionen, die der ersten Person wiederum sehr abstrakt, ablegen und peripher, in diesem Sinne auch äußerlich erscheinen mögen.

  

Im bisherigen Gang der Betrachtung wurde außer Acht gelassen, dass der Vorgang des Empfangens (einer Gabe, eines Impulses, einer Botschaft, einer Lehre, einer Speise, eines Tranks usw.) nicht unbedingt glatt verlaufen muss, sondern im Gegenteil Aspekte einer Konfrontation aufweisen kann.

Diese sind eigentlich immer da, nur mal mehr, mal weniger ausgeprägt.

Sie ergeben sich aus der anderen Qualität des neu Aufzunehmenden.

Es trifft auf einen älteren, mehr oder weniger konsolidierten (Kern-)Bestand.

Widerstand stellt sich auch bei dezidierter Offenheit des Empfangenden ein.

Das hebräische Verb, aus dem Kabbala abgeleitet ist, enthält diesen konfrontativen Aspekt in der Bedeutung begegnen.

Im Aufnehmen oder Rezipieren erfolgt ein wechselseitiges Entgegentreten.

Der dabei einsetzende Kontakt kann alle Merkmale einer Kollision annehmen.

Traditionsvorgänge sind fast immer durch Konflikte gekennzeichnet.

Sie entzünden sich in der Weitergabe von Wissen und Erkenntnissen, wenn sie zwischen selbstbewussten Individuen erfolgt.

Zu Reibungen – Reibungsgewinn statt -verlust – kommt es in der Regel beim Transport von Erfahrungen von Generation zu Generation.

Zwischen ebenbürtigen Personen, also unter nichthierarchischen, sondern egalitären Verhältnissen, nimmt der Vorgang der Tradition die Gestalt eines intensiven Austauschs an.

Die Kontroverse ist genauso Bestandteil der Kabbala, wie die Offenbarung aus unbegreiflicher Quelle, wie Inspiration, Vision, Intuition.

Im will to receive gibt das negatorische Moment, der Impuls, das Angebotene zurückzuweisen und von vornherein abzustoßen, Gelegenheit zu produktiver Auseinandersetzung zwischen den alten Anteilen und dem – oder den – neu hinzukommenden Teilen, die ebenfalls teilhaben / partizipieren möchten.

Das Innen ist angestoßen, sich unter Umständen neu zu konstellieren.

Die Körperschaft lebt.