Monatsarchiv für März 2012

Lebensführung

Samstag, den 31. März 2012

Er hängt eng mit diesem Leben zusammen, das ihn geführt hat.
Es hat ihn nicht übel geführt, trotz gelegentlicher Engpässe.
Selbst wenn es Gelegenheit dazu gäbe – er würde keine Beschwerde einlegen wegen schlechter Führung.
Sterne, Engel, Schicksale führen ebenfalls.
An ein bestimmtes Ziel leiten auch sie ganz selten, und niemals ans vorgenommene.
Das ist gut so.
Denn wir sind schlechte Propheten und sehen unsere eigentlichen, unsere tiefsten Wünsche kaum ein.
Es ist ein Glück, dass unsere Gebete praktisch nie eintreffen und unsere Flüche in den Wind fallen.
So ist das mit dem Leben: es führt, ohne geführt zu werden.
„Ich bin in das Stadium geraten, da man alles mag, wenn es da ist. (…)
Ich weiß, dass der Tod schlecht ist.
Ich weiß nicht, wodurch er zu ersetzen wäre.“

E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, Aufzeichnungen, 1994, 58

ans andere Ende der Welt

Freitag, den 30. März 2012

Es hilft nichts, man muss immerfort ans andere Ende der Welt. Denn dort, und nirgendwo sonst, tauchen die Gedanken auf, die man vergessen hat. Sie schrecken nicht davor zurück, die Welt zu umrunden, entgegen dem Uhrzeigersinn. Sie wandern durch die Nachtseite, die Unterseite der Welt. Ihre nächtliche Reise entspricht der Fahrt, die nach altägyptischer Vorstellung die Sonne allabendlich antritt: sie geht im Westen unter und reist in einer Barke durch den unterweltlichen Ozean.
Eine gefährliche Reise.
Die Gedanken, die in Vergessenheit geraten, scheuen ihn nicht, diesen langen und gefahrvollen Weg durch die Unterwelt. Sie machen es der Sonne nach, doch ohne Schiff. Sie durchqueren das Reich der Finsternis schwimmend. Ihnen hilft niemand ins Boot, in die verhüllte Barke der Sonne, die allnächtlich rauschend und lautlos zugleich an ihnen und zwischen ihnen dahinbraust, von unsichtbaren Händen gelenkt.
Dort unten gibt es keinen Fähr- und keinen Fernverkehr. Dort ist jeder Gedanke, der in Vergessenheit geraten ist, auf sich selber gestellt. Manch einer bezahlt seinen Todesmut damit, dass ihn die Tiefe behält. Überall lauert Vernichtung, der „Rachen des Drachens“, speziell ihn oder sie, die Idee, mit Haut und Haar zu verschlingen.
Andere aber, viele aber -
schaffen es.
Ihnen gelingt die Durchquerung des Abgrunds der unteren Wasser. Sie gelangen ans andere Ende der Welt. Dort steigen sie im entzückenden Licht, das die angekommene Sonne über sie breitet, ans leuchtende Ufer: „Alle vergessenen Gedanken tauchen empor, am anderen Ende der Welt.“ *

Um sie dort also zu empfangen und aufzunehmen muss jeder, dem es ums Gewahren und Erkennen geht, immer von neuem ans andere Ende der Welt.

Wir sind besser dran als unsere Gedanken.
Wir nehmen einen oberirdischen Weg, der ihnen verwehrt ist, sobald sie in Vergessenheit sinken.
Wir sind tüchtig vernetzt und in guter Verbindung zu allen Punkten der Welt.
Wir klicken ein paar Mal – und schon sind wir da.
Das geht inzwischen unerhört schnell.
Daher sind wir manchmal vor ihnen da, während sie tief unten noch schwimmen und rudern auf gefahrvollen Routen.

Es könnte bald sein – und geschieht vielleicht schon heute und jetzt – dass wir drüben ankommen, am anderen Ende, während sie uns hüben noch gar nicht gekommen sind, auf den Ufern diesseits.

*) E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 50

Durchbruch

Donnerstag, den 29. März 2012

Gabe als ein Drittes

das die Tauschverhältnisse durchbricht

Wassergruft

Mittwoch, den 28. März 2012

eine von den alten Wassergrüften

im Deistergebirge

vor Urzeiten

Mittwoch, den 28. März 2012

Episode aus Zeiten

als es noch keine Zeit gab

Parallelwelten 2

Dienstag, den 27. März 2012

In manchen dieser parallelen Welten sind wir mehr zu Hause, in anderen weniger. Die unendlich schwache Erinnerung an gewisse ungewisse Heimatwelten und die dabei enorm stark aufkommende Sehnsucht macht den eigentlichen Unterschied zwischen den Wesen. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie auf einem Planeten oder in irgendeiner fernen Kosmosnische existieren. Eine Sehnsucht, die in unterschiedliche Richtungen treibt. Sie entwickelt zuweilen kontrastierende und gegensinnige Perspektiven. Wenn man einmal absieht von der spezifischen Triebrichtung dieser Sehnsucht, dann lässt sie sich erkennen als das große Gemeinsame, das alle Lebewesen bewegt und erfüllt, und nicht nur die offenkundig beseelten.

Die in jeder Aktualwelt gegebene, teils abgewehrte, teils beschworene Vielfalt entspringt und fokussiert sich aus der Vielheit des Universums. Jeder Ort, jeder Punkt, jede Welt im Universum zieht Unterschiedliches in sich zusammen und entfaltet es dabei. Kontraktion und Entfaltung spielen ineinander.
Es gibt, vielleicht damit zusammenhängend, gute Gründe für ein Bewusstsein, durch die Einführung von Systemen und Kategorien, Begriffen und verdinglichenden Auffassungen zu strukturieren (dabei auch noch einzugrenzen, einzudämmen, zu bändigen).

Triftig sind auch die Gründe, mitzuwirken bei der Entwicklung von Mannigfaltigkeit. Allerdings ist diese Mitwirkung recht bescheiden. Sie besteht in erster Linie darin, immer wieder aufmerksam zu machen, aufmerken zu lassen, dass wir im Weltengeflecht in einer unendlichen Zahl von Varianten existieren.

Es wäre schön, wenn sich die zahlreichen, womöglich zahllosen Existenzen, die jede und jeder einzelne von uns lebt, irgendwie vernetzen ließen über all die Lichtjahre hinweg. Vielleicht hätten wir es dann jeweils leichter mit einander.

IM G4t

Dienstag, den 27. März 2012

ins Geviert geführt

Parallelwelten 1

Montag, den 26. März 2012

Wir leben nicht in einer einzigen Welt. Es gibt, im Universum verteilt, auf Universen verteilt, unzählige weitere Welten. Einige davon gleichen dieser wie ein Ei dem anderen. Andere sind ähnlich, aber nicht gleich. Identische und nicht identische Welten in allen Abstufungen.
Während ich hier z.B. sitze und auf die Erscheinungen blicke, die ein Bildschirm vorhält, bin ich in einer anderen Welt, Billionen oder auch nur Millionen Lichtjahre entfernt, vielleicht schon längst gestorben oder noch gar nicht geboren. Ich gehe wie selbstverständlich davon aus, dass es mich hier gibt – lässt es sich beweisen? In anderen Räumen und Zeiten führe ich eine Schattenexistenz, noch größer und noch kleiner als diese hier.
Als Echo komme ich irgendwo vor – das spüre ich bis hier her. Mit dem inneren Auge sehe ich dich irgendwo als Reflex, als Welle oder auf einer Woge für einen Augenblick aufblinken.
Ich weiß auch, dass es Orte im All gibt, wo ich nicht vorkomme und nicht einmal als Ahnung auftreten werde. Es wundert mich, weil doch über riesige Entfernungen und Zeiträume hinweg alles mit allem irgendwie in Austausch steht. Und doch bin ich mir sicher, dass es Plätze gibt, wo ich absolut nichtexistent bin, auch nicht als Stein oder Korpuskel.
Damit finde ich mich seufzend ab. Je eher, desto besser.
Es könnte sonst sein, dass diese absolute Abwesenheit dort in irgendeiner vielleicht künftigen Existenz bitter aufstößt und Herz und Seele zerreißt. Man muss sie sich als vollständigen Tod vorstellen. Der Tod, den wir kennen, allerdings auch nur vom Hörensagen, ist ein enger und schnürender Durchgang in eine Parallelwelt mit größeren oder geringeren Abweichungen von der Welt, die eben verlassen wurde. Ein relativer Tod. Man redet von Staub, Licht, Nichts oder Ewigkeit. Aber das sind alles Codierungen, unter denen in Wirklichkeit Parallelwelten zu verstehen sind. Es könnte sein, dass es einen Punkt gibt, in dem sie zusammenlaufen. Das müsste dann Gott sein. Vorerst aber, wenn man so reden darf, bleiben sie ohne gemeinsamen Nenner.

Stromwächter

Montag, den 26. März 2012

Hüter am Strom

man weiß nicht

Sonntag, den 25. März 2012

Man weiß dieses, man weiß jenes. Aber am wenigsten weiß man, was man selbst gefunden hat. Weil es sich aus unbewusster Suche ergibt, die manchmal ein ganzes Leben anhält. Es gehört ins biographische Kontinuum, ein Thema, das einen nicht los lässt, das einen nicht frei gibt. Die Funde dazu stellen sich ein. Aber irgendwie – vielleicht kommen sie einem zu nahe oder es verlässt dich der Überblick.
Außenstehende, mit der gehörigen Distanz, übersehen die Fundstücke besser. Sie können sie vor allem einordnen, in Ordnung bringen. Das gelingt dem Finder nur in Ausnahmefällen. Er irrt, streunt, verliert sich auf weitem Feld, von seinen nah und fernhin verstreuten Fundsachen umgeben. Vielleicht kennen sie seine Stimme, aber er kennt ihre nicht.
Mit den Funden verhält es sich so, und mit Erfindungen ganz ähnlich.
Es gibt die bescheidenen Finder. Sie sagen, wer das wohl verloren haben mag, wonach ich mich gerade bücke? Einem ehrlichen Finder lässt es keine Ruhe, bis der Beweis erbracht ist, dass der Fund denjenigen, die die Sache liegen gelassen haben, nicht mehr zuzustellen ist. Dann fügen sie sich in den Gang der Welt, wonach etwas seinen Sinn daraus erlangt, dass es verloren gehen muss, um gefunden zu werden.
„Ich weiß nichts, und am wenigsten weiß ich, was ich selbst gefunden habe.
Was bedeutet das? Dass ich es wiederfinden muss? Oder dass es nur Sinn hat, wenn andre es jetzt wiederfinden?“ *
Geistiges Eigentum gibt es nicht, und schon gar kein „rechtmäßiges“. Nicht einmal ein irgendwie zu sicherndes Besitzen. Aber Abgeben und Abnehmen, das sich in Verlieren und Finden ausdrückt, die kontinuierlichste Form von Teilhabe und Anteilnahme.

*) E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 77