Monatsarchiv für Februar 2012

Rätselgeber

Mittwoch, den 29. Februar 2012

„Das Deuten eines Satzes – das einzige, was uns von der Beschäftigung mit Orakeln geblieben ist.“ *
Ja, das – und vielleicht noch das Aufgeben, das unwillkürliche (und ungewollte) Stellen von Orakeln.

E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 59

telegene Energien

Dienstag, den 28. Februar 2012

Heil im Fremden

Dienstag, den 28. Februar 2012

Der stets wiederkehrende Schock, vergessen zu haben, ans Anonyme zu verlieren, einzubüßen, was mühsam gelernt wurde, unterzugehen in wachsender, von allen Seiten, insbesondere von innen bedrängender Fremdheit, Überschwemmungen, die teils unmerklich entführen, teils brutal entreißen, Enteignungen, Verwirrungen, gegen die kein Kraut, keine Rübe, kein Bibelspruch gewachsen scheint. Aber immerhin, es gibt einen merkwürdig einleuchtenden Zuspruch:
„Geh in Zittern und Unsicherheit. Das Unbekannte wird dein Bekanntes retten.“

E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 59

animals first

Montag, den 27. Februar 2012

Nach seiner Taufe im Jordan trieb ihn der Geist in die Einsamkeit*, unter Tiere und Engel.
Vierzig Tage war er dort, alleine mit und unter diesen Lebewesen, lernend und lehrend.
Nach seiner Rückkehr begann seine Verkündigung unter den Menschen.

Das ist sonderbar, dass er, als die Taufe noch frisch war, Tieren und Engeln, den oberen und unteren Lebewesen, näher war als den Menschen.
In die Gesellschaft der letzteren ging er erst zurück, nachdem der Geist, der ihn in die Einsamkeit getrieben hatte, gleichsam den letzten Taufwassertropfen von der Haut weggetrocknet hatte.
Zu den Menschen kehrte er aus freien Stücken zurück.
Kein Geist trieb ihn.
Aber was ihn eigentlich zog – wir wissen es nicht.

*) Markus 1, 12f; für „Einsamkeit“ hat der griechische Text „éremos“, das häufig mit „Wüste“ übersetzt wird

Glaubens Zweifel

Sonntag, den 26. Februar 2012

‚im Unglauben gläubig, im Glauben ungläubig‘

Jeder Glauben ist bloß partikular und lenkt ab von anderen Bereichen, in denen man nicht glaubt, vielmehr misstrauisch umherstreicht, sobald es einen dorthin verschlägt.
Eine Person ist davon überzeugt, dass dieses oder jenes bei Beschwerden hilft und anderes nichts taugt, wovon andere meinen, es hülfe. Jeder Menschenglaube ist anders gestrickt, anders verfugt, anders aufgehängt.
Im Prinzip ist jede Person in ihrem Unglauben gläubig, in ihrem Glauben von zweifelhaften Elementen durchsetzt

Glaube ist eine Empfänglichkeit für Dinge usw., die man weder sehen noch hören noch wissen kann usw. Eine vage Empfänglichkeit, die dann von einer gewissen Überzeugung „besetzt“ wird. Glaube setzt eine spezifische Sensibilität (Suszeptibilität) voraus.
Fraglich, ob diese Grundlage erlernt oder erworben werden kann. Mit Sicherheit lässt sie sich nicht weiterreichen. Dementsprechend ist auch die daraus erwachsene Überzeugung, eben der Glaube, kaum mitteilbar, eigentlich nur dann, wenn bei der anderen Person eine analoge Disposition vorliegt, eine Art Seelenverwandtschaft.

Keinem Glauben ist anzusehen oder anzuhören, ob er sich nicht einer weiteren, überaus fragwürdigen Voraussetzung oder Bedingung verdankt, nämlich einer erhöhten Autosuggestibilität.

Wahrscheinlich kommt Glauben nicht aus ohne eine gewisse ‚mutige‘ Bereitschaft, sich auszusetzen, sich unbekannten und ungesicherten Einflüssen und Einströmungen hinzugeben.
Es ist eine in jedem Glauben mitschwingende Anfälligkeit, die einen nötigt, zu zweifeln, zu hinterfragen, selbstkritisch und selbstbeobachtend zu bleiben.
Leider gibt es Gründe – und Beweise – dafür, dass Gutgläubigkeit und suspekte Leichtgläubigkeit nahe beieinander wohnen.

RA

Samstag, den 25. Februar 2012

Dinge entstehen und können nichts dafür. Eine Blutorange wird ins grüne Gebüsch einer Plantage geboren. Mit einiger Wehmut verlässt sie den Duft der weißen Blüte, aus der sie hervorgeht. Sie nimmt eine porige Schale an und einen Geruch, der sie ihrem Ursprung entfremdet.
Auch Golfbälle, die im weißen Pelz durch den geschorenen Rasen springen, von Mulde zu Mulde, von Erdloch zu Erdloch, und Billardkugeln, die im kreisrunden Schwarz der samtgrünen Tischplatte verschwinden, haben ihr Schicksal. Sie fallen nicht weit von dem Baum, der sie genährt und hervorgebracht hat. Sie fallen und kollern ein wenig, teils aus fremdem, teils aus eigenem Antrieb. Dann fallen sie einem Geschick in den Schoß, das es nicht unbedingt gut meint.
Rote Tischtücher, rote Schnupftücher und ebensolche Servietten, ganz aus zelluloser Materie, kommen gelegentlich vor, ohne wirklich en vogue oder in Mode zu sein. Der flüchtige Dienst, den ihnen ihre Benutzung zumutet, zehrt sie am Ende vollständig auf. Ganz am Ende steht der Container, voll von Scherben und restlichem Fraß, von einst leckeren Soßen durchtränkt, in denen die Gärung Blasen und säuerlichen Schimmel aufwirft.

Unsere Welt steckt voller Rätsel, die sich zu Gesetzen aufschwingen, auch voller Gesetze, die wieder in die fadenziehende Tiefe der Rätsel einsteigen. Es entstehen Melangen, intermediäre Terrassen, Balustraden, auf denen das Eichhorn entlanghüpft. Manchmal trinkt man flüssige Feuerbohnen zum Tee oder durchquert mit der Machete den Busch. Immer wieder wird Blut von unterschiedlichster Farbe vergossen. Es klebt und verharzt.

Aus dem puren Anblick rollen Wogen an von Gefahr.
Man kann sich dumm stellen – es hilft nichts.
In der enormen Schwemme, die alle Dinge ergreift, seien sie nun schwarz oder rot, reißt es den unschuldigen Beobachter mit, der bloß einmal, ganz nebenbei, nach dem Rechten sehen wollte. Nun – er findet sich in unauslotbaren Kellergewölben wieder, zu denen kein Bohrloch hinabreicht. Nur in Ausnahmefällen ein Schacht, in dem ein livrierter Herr namens Charon einmal im Jahrtausend den Fahrstuhl bedient. „Farewell, Sweetie. Hoffentlich ebbt das Gedränge im Dunkel bald ab.“

Tagsüber schreibt Stendhal Romane. Eine Sonnenbahn knüpft an die andere an.
Im Roulette hüpft nächtlich die Kugel von Grube zu Grube, von Scheibe zu Scheibe, mit geschlossenen Augen, immer dem nicht sichtbaren Blindenstock nach.

Agathes Hund, eine witzige Promenadenmischung, kläfft zwischen Bube und Pik. Querfeldein späht ein Zocker den Geldtürmen nach, die der Discjockey an langem Rechen über den Golfrasen schiebt.
Die geringste Anstrengung zaubert glänzende Tropfen hervor und ein knallrotes Schweißtuch, das den Schweiß und den Zauber hinwegnimmt. Ja, wir trinken und speisen und schwitzen zu viel. Schweiß drauf – dann sind wir es los!

Und Stendhal und Ra?
Sie gehen noch immer am Himmel und auf der Erde spazieren, in unwegsamem Gelände. Sie frühstücken wie wir, sie schwitzen und scheinen und jammern wie wir. Und die Chance steht noch immer nicht schlecht, etwa hundert zu hundert, oder ungleich zugleich.
24.1.89

blauer Blumentopf

Freitag, den 24. Februar 2012

blühende Fantasien aus einem blauen Blumentopf

Überführung, Transsubstantiation
Kunst wird zu Material, Material geht über in Kunst –
geht über, geht ein:
permanenter Wandel und Stoffwechsel,
trägt bei zu einer unaufhörlichen Erweiterung
der Künste und der Stoffe,
zu ihrer erstaunlichen Belebung.

am Rande der Wildnis

Donnerstag, den 23. Februar 2012

Nicht stumm und taub, sondern sprechend, womöglich mit erhobener Stimme in den „Dschungel der Leute heute“ gehen – das gibt es als Sehnsucht, als Sehnsucht gibt es das.
Die Stimme erhoben, und nicht vorweg, ehe sie überhaupt Gelegenheit hat zu kippen, schon kontrolliert, an Krücken, abgestützt.
Der Spiegel der Reflexion, so nützlich er sein mag im Kampf, im Duell mit der Medusa, so hinderlich, ja lächerlich erweist er sich beim Gehen durchs Wurzelwerk, das der Dschungel von seinem Rande her ausschickt. Seine schlangenartigen Sendboten – sie sind flink, gewunden und hätten viel zu erzählen, wäre nur jemand da, der ihre Zungenrede aufnähme und weiter spräche, gegebenenfalls auch mit erhobener Stimme.
„Du musst die Worte wieder strömen lassen, blind, böse, grausam, trost- und maßlos, und nicht von jedem Satz fürchten … Du lebst im Dschungel der Leute heute, aller Leute …” *
*) E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 57f.

Fenster

Mittwoch, den 22. Februar 2012

unvermutetes Wiedererkennen

Dienstag, den 21. Februar 2012

Es macht große Freude, wiedererkannt zu werden.
Auch wenn eine Person nicht die gleiche bleibt – und wer könnte das schon? – erfüllt es doch mit freudigem Stolz, über viele und weitläufige Veränderungen wieder erkannt zu werden. Erinnert zu werden nicht an Hand der alten Haut, die einem noch in Resten anhaftet, sondern wahrgenommen zu werden als ein erneuerter, gleichsam aufgefrischter Mensch, dem man munter und lebhaft entgegenlaufen möchte, weil da eine Ausstrahlung ist, die ins Gedächtnis hineinleuchtet und mit den dort verwahrten Facetten künftiger Möglichkeiten spielt.

„Bei manchen ausgestorbenen Völkern ist er nun schon so oft gewesen,
dass sie ihn wiedererkennen.“ *

Aber wird auch er sie wiedererkennen, wenn davon der eine oder die andere ihm zuwinkt von der anderen Seite der Straße, oder im Vorbeigehen zuzwinkert?

*) Elias Canetti, Nachträge aus Hampstead, 58