Monatsarchiv für Januar 2012

himmlische Harmonie

Dienstag, den 31. Januar 2012

Es drängt immer wieder, gegen seichte und flache Auffassungen von ‚Harmonie’ anzugehen. Auffassungen, in denen sie vorwiegend als Glättung und Einebnung von Widersprüchen und Dissonanzen erscheint. Denn das ist leider auch heute noch immer der verbreitete und wenig bestrittene Begriff davon.
Am ehesten entspricht dem eigentlichen Konzept von Harmonie, wie es aus der Antike überliefert ist, das biblisch-hebräische schalom.
„The essence of peace (shalom) is to unite two opposites”, schreibt R. Nachman und erinnert an die Ableitung von schamajim (Himmel) aus ´sch und majim, Feuer und Wasser. *
Eben weil dieses Erhabene über unseren Köpfen, um unseren Erdball herum und insbesondere in uns nun einmal im Prinzip (und hauptsächlich) aus Feuer & Wasser besteht – Einheit im Widerstreit, konkordante Disssonanz.

*) The Religious Thought of Chasidism, ed. Norman Lamm, 1999, p. 416

selbstreflexiv

Montag, den 30. Januar 2012

„Wenn dir jemand begegnet, an dem du aus irgendeinem Grunde Anstoß nimmst, bilde dir ein, du sähest in einen Spiegel und erblicktest darin nicht die andere Person, sondern dich selbst.“ *
Die wunderbare Gabe oder Fähigkeit der Nächstenachtung (manchmal auch Nächstenliebe genannt) hängt an der Bereitschaft, dieses Gegenüber anzunehmen, bzw. eine andere/ein anderer sein zu können als man selbst. Ausschlaggebend ist die Einsicht: Ich könnte genauso gut mein Gegenüber, mein Gegenüber könnte genauso gut Ich sein. In der Welt hinter den Spiegeln ist es auch so: Du ist dort in Wirklichkeit Ich. Bloß hier sind wir es zufällig nicht.

*) nach: The Religious Thought of Chasidism, ed. Norman Lamm, 1999, p. 422

Epigramme

Sonntag, den 29. Januar 2012

deiloi hoi deinoi“,
verzagt sind die Schrecklichen“,
lautet ein antikes Epigramm.
Es geht auf die Menschen, die in der sophokleischen Tragödie als deinoi , als Schreckliche eingeschätzt werden.
Warum jedoch sind sie verzagt?
Weil der große, der dauernde Schrecken, den sie anderen einjagen,
ständig unmerklich auf sie zurückfällt.

Weshalb Sosisthenes meint:
eleeinoi hoi deinoi,
erbärmlich sind die Schrecklichen dran,
Dinosaurier mit Hasenherzen
in gepanzerter Brust.

Gefühle und Gedanken

Samstag, den 28. Januar 2012

Es gibt Gefühle, die mächtig aufragen und auftragen und dann – das entspricht nun einmal ihrer Natur – wieder zurücktreten in die unbegreifliche Quelle, aus der sie aufgestiegen sind. Nach ihrem Erblassen bleibt, gleichsam ihr Skelett, ein bleicher Gedanke, der durchs Erinnern immer blasser und abgegriffener wird. Erst dadurch, dass man sich von dieser untauglichen Reliquie trennt, gibt man dem Gefühl selbst eine Chance, wiederzukehren.
Vergleichbares gilt, wie Canetti festgestellt hat, auch für Gedanken, die sich auf einmal davon gemacht haben. Aus ihnen werden „verschwundene Gedanken, die man fühlt, aber nie mehr wiederfindet.“ *
Vielleicht könnte man sie wiederfinden, wenn es gelänge, sich von dem Gefühl zu lösen, das sie hinterlassen haben. Es hält den Suchenden fest und sie – wer weiß – von ihm fern.
Denn kein Gedanke möchte zu einem schon gehabten, schon erlebten Gefühl zurückkehren. Das wäre distanzlos, eines echten Gedankens nicht würdig.
So lauert der gesuchte Gedanke in der Ferne auf den Moment, auf den günstigen Augenblick, in dem der Sucher absichtslos abgeschweift ist von diesem Gefühl. Auch nach der Rückgewinnung des Verschwundenen steht nicht mehr sein Sinn.
Dies ist der kairós, der günstige Augenblick, in dem der Gedanke von alleine zurückkehrt, manchmal im luftigen (Feder)Kleid einer Inspiration.

*) E. Canetti, Nachträge aus Hampstead, 38

Schwermut

Freitag, den 27. Januar 2012

Die alten Naturforscher haben herausgefunden, dass die Schwermut als zäher und dickflüssiger Strom aus der Milz in den Blutkreislauf fließt. Es handelt sich um keine sichtbare oder messbare Substanz, aber umso fühlbarer und beobachtbar sind die Wirkungen, die dieser schwere und finstere Ausfluss in Verfassung und Verhalten der davon Betroffenen auslöst.
Man hat den melancholischen Erguss mit Lava verglichen, die rotglühend aus dem Innern der Erde hervorkommt und nach Verlassen des Kraters, also der Milz oder der Galle, wie andere meinen, zu einem rasch sich schwärzenden, erkaltenden und erstarrenden Strom wird, zwischen dessen Verzweigungen nur noch einzelne Inseln mit grünen Baumkronen, die Blätter am Rande versengt, übrig bleiben. Das sind dann die abgeschnittenen Erinnerungsaufenthalte der Seele, aber ganz in Dampf und Rauch gehüllt.

Physiochemisch gesehen hat dieses Milzsekret Verwandtschaft mit dem indianischen Pfeilgift Curare. Es führt eine Lähmung bestimmter psychischer Funktionen herbei, eine Art innerer, von konvolusionsartigen Schmerzen begleiteter Starrkrampf. Man wird wie aus Zement oder Blei, nimmt jedenfalls eine derartig dichte Beschaffenheit an, dass alle feineren und hochfrequentigen Schwingungen gleichsam abgeblockt werden.
Diesen Zustand nennt man den ‚bleiernen König in der Dunkelkammer’. König, weil der Betroffene jenem vorderasiatischen Herrscher gleicht, durch den alles, womit er in Berührung kam, zu Gold erstarrte. Dunkelkammer, weil der Aufenthalt dort überaus finster, dabei aussichtslos und ungesund ist.

Melancholie ist Verstockung des Gemüts, eine Art
Gemütsstarrsinn. Was eigentlich schweben und quirlen sollte, ist auf einmal festgebacken, geronnen wie unter der Einwirkung geheimnisvoller Konglomerationskräfte.
Der hebräische Ausdruck “kaschah ruach” gibt zu verstehen, dass jener Seelenteil, der nach unten und oben beflügelnd hin und her schweben sollte, bis zur Unbeweglichkeit verhärtet und versteinert ist. Die “ruach”, das Geistprinzip, ist zum Klotz geworden, der alle Eingänge und Ausgänge sperrt.*

*) geschrieben am 27. September 1990

Wolkengang

Donnerstag, den 26. Januar 2012

In biblischer Sprache bindet sich an das Bild der Wolke Verheißung. In der Dürrezeit bringt sie Regen. Sie steigt, auf Gebet hin, überm Horizont auf, erst klein wie eine Kinderhand, um sich dann über den ganzen Himmel zu breiten und herabzuregnen, eine Erquickung für alle Kreatur. Auf Wolken fährt der Himmelsthron dahin und auf Wolken kommt einst der Messias und steigt zu Mensch und Tier herab.
In den „Aufzeichnungen“ heißt es: „Alles was ihn entzückt, zieht als Wolke über die Erde.“*  Hoffnung und Illusion betten sich auf ihr und in ihr. Sie verstreichen. Beide verschwinden restlos, will man in einer Wolke Gewisseres oder gar Handfestes finden.

*)Elias  Canetti, Nachträge aus Hampstead, Zürich 1994, 38

noch nie gesehen

Mittwoch, den 25. Januar 2012

„Ein Mensch, der sich noch nie gesehen hat.“ *
Von wem redet hier der Autor? Von einem anderen oder von sich selbst?
Offensichtlich schaltet / scheidet er Spiegel, reflektierende Oberflächen und dergleichen grundsätzlich aus. Er erkennt sie nicht an als Medien, in denen ein Mensch sich sehen kann.
‚Sich sehen’ meint wohl eine Konfrontation, die über die Begegnung mit dem schattenhaften eigenen Spiegelbild oder Lichtbild (Foto) hinausgeht. Angedeutet wird ein Vollzug, der außerhalb der üblichen Sichten und Sehweisen liegt.
„Hast du nicht gesehen?“
„Nein, ich war mir zu rasch, ich hab mich nicht sehen können.“
Das ist immer wieder so. Die Eigenansicht: zu flugs, im Fluge da, im Fluge wieder davon.
„Ich hab nichts von mir sehen können.“
„Könnte es sein“, wird gefragt, “dass du gerade eben, im flinken Verschwinden, noch deinen Rücken erspäht hast?”
„Ja, könnte sein, etwas Flatterndes, ein Zipfel, ein paar Fransen, könnte ein wehendes Ende gewesen sein.“
Es ist ein wenig wie beim Blitz, der für einen kleinen, aber bedeutenden Augenblick nur sein Echo hinterlässt, den Donner.

*) Elias  Canetti, Nachträge aus Hampstead, Zürich 1994, 35

Was haben dir alle Menschen voraus?
Dass sie dich sehen, ohne dass du dich je vor Augen bekommst.
Aber lass mal. Sie sind nicht zu beneiden. Es ist ein hauchdünner und obendrein problematischer Vorsprung, mit dem sie davoneilen.

Service

Dienstag, den 24. Januar 2012

Karyatiden

bringen ES

auf dem Tablet

erfunden

Montag, den 23. Januar 2012

Erfindung lehrt. Das ist der außerordentliche Sinn, den sie gibt.
Vielleicht sagt man besser: den sie verleiht. Denn nach einiger Zeit nimmt sie ihn zurück. Als Erfinder hast du keinen Anspruch auf diesen Sinn. Du hast ihn nicht erfunden. Das kann dir eine Lehre sein. Du kannst es auch getrost vergessen. Deine nächste Erfindung wird dich erneut – und vielleicht eines noch Besseren – belehren.
„Ich muss mich wieder von meinen Erfindungen tragen lassen, ohne zu wissen, wohin ich geraten werde.“ *

*) Elias Canetti, Nachträge aus Hampstead, Zürich 1994, 36

Klappkartengruß von Fred

Sonntag, den 22. Januar 2012

“Freundlicher …

… geht es hier zu …

… als hinter den Aleuten”

euer Fred