Monatsarchiv für Dezember 2011

tradiert

Sonntag, den 25. Dezember 2011

In der okzidentalen Geschichte hat sich, ebenso versteckt wie kontinuierlich, ein schamanistisches Moment durchgesetzt.
Canetti* macht darauf aufmerksam, dass die Tätigkeit, „einen Menschen zerlegen und anders zusammensetzen“, als „Schamanismus“ zu sehen sei.
Unter diese Prozeduren fallen beispielsweise die anatomischen Wissenschaften, die Sezierkunst, mit der neuzeitliche Medizin und Körperkunde anhebt.
Darunter zu rechnen wären ferner die zahlreichen konstruktiven Verfahren, die häufig bereits im Ansatz eine dekonstruierende Absicht erkennen lassen: Dekonstruktion als disziplinierte Destruktion (‚diszipliniert’ ist auch, aber nicht nur zu fassen im Sinne von schulmäßig, akademisch, wissenschaftlich).
Vermutlich wären etwa auch die psychoanalytischen Verfahren dem Schamanismus zuzurechnen.
Schamanismus, als eigentlich „archaische Ekstasetechnik“ (M. Eliade), hat in das neuzeitliche Bewusstsein auf eigentümliche Weise Eingang gefunden: als mentale „Anlage“ mit der Fähigkeit, sich wie von selbst auseinander zu nehmen und anders wieder zusammen zu setzen. Diese Prozeduren können, müssen aber nicht von Selbstreflexion initiiert und begleitet werden. Jedenfalls bietet das schamanische Vermögen, verborgen im Kern eines fundamental humanen und zugleich animistischen Erbes, eine Ars Magna, eine große Verwandlungskunst auf.

*) Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973-1984, München/Wien: Hanser 1999, 7

auf- und niedergeschrieben

Samstag, den 24. Dezember 2011

Tagebücher werden häufig erst spät abends oder nach Einbruch der Nacht geschrieben.
Da ist der Tag in (seiner) Wirklichkeit bereits vergangen, verloren, aufgegeben.
Traumtagebücher hingegen
- die eigentlich Nachtbücher heißen sollten, Nocturnalien oder Nocturnien vielleicht -
entstehen meist erst bei oder nach Tagesanbruch.
Dieses Verschobensein in der Zeit,
diese Distanz ist konstitutiv für Diarien und Nocturnien.

Sie haben mit der Wirklichkeit ihrer Anliegen oder Gegenstände nicht mehr wirklich zu tun.
Sie haben sich abgelöst, stehen und gehen auf eigenen Füßen davon.

Diskretion

Freitag, den 23. Dezember 2011

wer viel zu sagen hat, hat auch viel zu verschweigen.

winters

Donnerstag, den 22. Dezember 2011

winters schlaf

Morgenstunde

Mittwoch, den 21. Dezember 2011

morgen
stunden

vorfälliges

Dienstag, den 20. Dezember 2011

Dämon im Walde erzählt ernährt
sich von Nadeln und Laub.
Mensch mit Hund kommt vorbei
einer an des anderen Leine.
Eingeweckte Gehirne fallen
trotz Sezierkunst gegenüberliegend
immer zur Seite.
Aus nahegelegener Schlucht
steigt Höhenrauch auf.
Ein anderer Geist –
er kämmt sich blasiert vor dem Spiegel.
Flüssigkeiten strömen durch Schläuche und blähen sie auf.
Ein Gitter trennt einen Raum, ein anderes:
Feilspänen fliegen durch Felder,
während Draußen noch immer
mit Klammern an Leinen
im Wind hängt.

kalendarisch

Montag, den 19. Dezember 2011

kalenderwesen

vorher

Sonntag, den 18. Dezember 2011

Im Urknall, im Bruchteil der Nanosekunde, in der das Universum zu entstehen begann, wird alles zentrifugal auseinandergeflogen sein, als würde das Nichts detonieren. Dabei muss sich in die zentrifugale Bewegung der Urmaterie sogleich eine Kreisbewegung geschoben haben. Beide Bewegungen sind gleich ursprünglich und haben sich anscheinend zu jener Spiralbewegung verbunden, deren Echo in den Galaxien und kosmischen Nebeln fortdauert. Spiral als Kompromiss aus zirkulärer und zentrifugaler Strebung.

nach Goya

Samstag, den 17. Dezember 2011

der Traum des Kommandanten

abwesende Venus

Freitag, den 16. Dezember 2011

in dieser exzellenten Baumschule
vermisst man bloß Aphrodite,
die Schaumbuhle