Monatsarchiv für Dezember 2011

noch einer

Samstag, den 31. Dezember 2011

noch ein unberühmter,

ein HELD

die unberühmten

Samstag, den 31. Dezember 2011

Sie wären den Verführungen und Belastungen, die Ruhm mit sich bringt, erlegen.
In lebenskluger Selbsteinschätzung sind sie lieber gleich unbekannt geblieben.

nicht mit rechten Dingen

Freitag, den 30. Dezember 2011

verflixt &

verhext

faire Selbstverteidigung

Freitag, den 30. Dezember 2011

Gegen alles, was man ist, muss man sich wehren, aber nur so, dass man es nicht zerbricht.“ *
Es könnte ja das eigene Selbst sein oder ein Teil davon.
Aber das Geronnene, das Verkrustete (sofern es keine Wunden verschließt), das zu Gewohnheiten und sterilen Zuständen Erstarrte, das sollte in Angriff genommen, abgewehrt, zurückgewiesen werden. Doch so, dass man sich bei der Gegenwehr keine Splitter, keine Verletzungen einhandelt. Selbstverteidigung als eine Kampf- und Sportart, die beide schont, den Angriff wie die Verteidigung.

*) Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973 – 1984, München/Wien: Hanser 1999, 20

Kronologik

Donnerstag, den 29. Dezember 2011

„Eine Lebensgeschichte anhand der Götter. Wann sind sie einem begegnet, wann entschlafen.“ *
Kein biographisches Szenarium ohne Götter. Sie haben ihre Orte und Zeiten, bestimmte Orte, bestimmte Zeiten. Daran lassen sie teilhaben, laden ein, verstoßen. Ihr Entschlafen ist eine Täuschung, wie der Untergang der Sonne oder des Mondes eigentlich kein Untergang ist.
Ihre Abkehr ist eine scheinbare. Sie sind im Grunde immer da, stets und ständig.
Wären nicht unsere Bewegungen, die Abkehr und Zuwendung mit sich führen oder auch nur suggerieren, wir könnten die Götter als andauernde erfahren. Sie stehen auf erhöhten Plätzen, Stationen, die eingesenkt sind in Drehung und Wechsel der Welten.

*) Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973 – 1984, München/Wien: Hanser 1999, 19

Lese Übung

Mittwoch, den 28. Dezember 2011

Schrift

Lese

Übung

Prinzenprinten

Dienstag, den 27. Dezember 2011

Kommt ‚Print’ von ‚Printen’ und
wie konnte sich in den Festtagen
ein Prinz
dazwischen verlieren?

das Schweigen der Zeilen

Dienstag, den 27. Dezember 2011

denn dieses Schlimme hat doch die Schrift,
Phaidros,
und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich:
Denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend,
wenn man sie aber etwas fragt so schweigen sie gar
ehrwürdig still.
Und ebenso auch die Schriften.

Platon

Eine Stimme, kaum vernehmlich.
Eine Stimme spricht aus der Stille,
kommt von zwischen den Zeilen:
Das Gedicht,
sagt es,
würde dich gerne hören,
sagt sie,
die Stimme.
Ich höre, sage ich,
ich bin das Gedicht.
Ich kann dich sehen, sagt das Bild.
Ich schaue dich an.
Hör gut zu.
Hebe den Stift und blicke zurück.
Die Hand am Stift.
Sie geht spazieren, ein Blinder an dünnem Faden
Fingerspitzen hüpfen über die Buchstaben. Sie tanzen.
Ungeordnete Tänze, Feuertänze, Veitstänze, Schütteltänze, Polonäsen.
Das Auge – ein losgelassener Blindenhund tollt
durchs Bild.
Langsam, sage ich, hier geht es lang.
Heute redest du laut, sagt das Bild.
Bloß ein Selbstgespräch, sage ich,
führe gerade ein Selbstgespräch
durch die Gegend spazieren, verstehst du?
Heute ist schlecht zu verstehen, sagt Stimme.
Ich rede gegen das Schweigen an, sagt sie.
Bist du das Schweigen oder eine Spielart davon? frage ich.
Macht weiter so, sagt das Bild, dann wird man schon sehen.
Hier bin ich, ruft es,
das Rätsel –
aufgepasst, Phaidros!
psst!
Platon,
wir sind unterwegs zu dir …

Verbleib

Montag, den 26. Dezember 2011

Im Alter liegt Jugend weit zurück. Sie ist damit einer glorifizierenden Verkennung ebenso ausgesetzt wie einer hochmütigen Geringschätzung und entsprechenden Zurecht- oder gar Zurückweisung.
Mit der Frage, wo Jugend dann eigentlich abgeblieben sei, hat sich Canetti in einer seiner Aufzeichnungen befasst. Es wäre „lächerlich“, meint er, „seine Jugend aus ihren Dokumenten, ihren äußeren Überbleibseln zu erstellen. Wieviel mehr ist sie in einem geworden.“
Es sind nicht die verbliebenen Belege, die zählen, die Auskunft geben oder erzählen.
Wir alle machen immer wieder die Erfahrung, dass Produktionen und Zeugnisse der eigenen Frühzeit gerade von denen, die sie verursacht oder hervorgebracht haben, am schlechtesten eingeschätzt und „gelesen“ werden können.
„Das ganze spätere Leben saugt sie in sich ein, und die kahlen, kümmerlichen Dokumente blinzeln.“ Canettis Formulierung lässt offen, wer oder was wen oder was in sich einsaugt.
Ist es das „spätere Leben“, das seine Jugend absorbiert? Ist es die inkorporierte Jugend, die durch Anverwandlung in der Person selbst zu einem einverleibenden Leib geworden ist, zu einer Art Organismus, der sich aus dem ganzen „späteren Leben“ nährt und dadurch wächst?
Sind es die “Dokumente”?

„ … die kahlen, kümmerlichen Dokumente blinzeln. Soviel Licht haben sie nicht erwartet, denn sie kannten es nicht.“ Was für ein Licht ist gemeint? Das Licht der späteren Erleuchtungen oder das dieser Jugend, die sich in einem unaufhörlichen inneren Aufgang befindet? Eine Helligkeit jedenfalls, die das jugendliche Frühwerk buchstäblich hinfällig macht. „Soviel Licht haben sie nicht erwartet, denn sie kannten es nicht, ihre dürftigen Formen straucheln.“
Das abschließende Urteil Canettis eröffnet Ausblicke über den Lebenshorizont hinaus und gibt Einschätzungen an die Hand, die sich auf jedes gesamte, konkret gewordene Lebenswerk beziehen lassen: „Gut, dass aus dieser frühen Zeit alles verloren ist. Gut auch, dass weniges davon noch da ist.“
So könnte ein Überlebender sprechen, eine Person, die über den eigenen Tod hinausgelangt ist.

„Wie lächerlich es wäre, seine Jugend aus ihren Dokumenten, ihren äußeren Überbleibseln zu erstellen. wie viel mehr ist sie in einem geworden. Das ganze spätere Leben saugt sie in sich ein, und die kahlen, kümmerlichen Dokumente blinzeln. Soviel Licht haben sie nicht erwartet, denn sie kannten es nicht, ihre dürftigen Formen straucheln. Gut, dass aus dieser frühen Zeit alles verloren ist. Gut auch, dass weniges davon noch da ist.“

Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973 – 1984, München/Wien: Hanser 1999, 14

Tradition

Sonntag, den 25. Dezember 2011

Traditionen sind Wege.
In einer Tradition stehen heißt, auf ihr zu gehen, auf ihr und womöglich über sie hinaus.
Man hat auch andere Bilder dafür.
Man könnte von Aufschüttungen sprechen.
Wir haben das Glück, nicht mehr mit Schaufel und Spaten drangenommen zu werden.
Wir brauchen aufgehäufte Anhöhen und Berge nur noch zu ersteigen.
Ganz oben erscheinen wir verschwindend klein.
Wir sind Zwerge aus Erdgruben.
Nun stehen wir auf den Schultern von Riesen.