Monatsarchiv für Juni 2011

barocke Tetraktys *

Donnerstag, den 30. Juni 2011

Worauf es ankommt, wird gezeigt..
Worauf es ankommt, bleibt unter der Hand, bleibt verdeckt.
4 Finger weisen auf 1.
Monade nomadisch.
Wo ist die Null abgeblieben?
Mit Blick ins Firmament versucht einer die 8
in Liegelage zu kippen
wo sie endlich unendlich
bedeutet.

*) Tetraktys = die Zahl Vier, zugleich die Zehn als Summe der ersten vier Zahlen

zählen und nennen

Mittwoch, den 29. Juni 2011

zählen = mit einer Zahl versehen;
nennen = mit einem Namen ausstatten.
Der biblische Schöpfungsbericht erzählt, dass dem Adam, ehe die Frau aus seiner Seite hervorging, alle Tiere vorgeführt wurden, damit er ein jedes benenne.
Vermutlich eine lange Prozedur.
Adam musste sich immer neue Worte ausdenken. Jedes erfundene Wort musste zu dem betreffenden Lebewesen passen, als Namen. Kein Wort sollte daher mehrmals vorkommen.

Was für ein endloses Projekt! Darüber ist Adam eingeschlafen, vor Erschöpfung in einen Schlaf versunken, der so tief und betäubend war, dass der Schöpfer in aller Ruhe und Stille aus der einen Seite des Mannes – es war seine andere Seite – die Frau herausarbeiten konnte.

Dieses Namengeben – was für ein Unterfangen! Noch heute findet man kein Ende damit.
Es geht unentwegt fort. Im Amazonasgebiet, auf Neu-Guinea werden blaue Leguane entdeckt, orangefarbene Schnecken, selbstleuchtende Käfer, Fische mit Gesichtern, die wie Hammer und Amboss aussehen. Unterm Elektronenmikroskop tummeln sich mutierende Viren. Auch sie brauchen ihren Namen, meistens ein künstliches Griechisch, rapide verkürzt, wie EHEC zum Beispiel.

Ein Mathematiker hat neuerdings den Vorschlag gemacht, die Zahl pi zu verdoppeln und in tau umzubenennen.

Das Zählen hat offenbar später begonnen.
Jedenfalls unter Menschen.
Der Schöpfergeist hingegen hat schon im Anfang gezählt.
Es hat mit den Tagen begonnen: erster Tag, zweiter Tag usw.
Keine Schöpfung kann auf Zahlenkräfte verzichten.

Unter Menschen ist aus dem Zählen bald ein Nummerieren geworden.
Aus praktischen Erwägungen heraus hat man die Zahlen ausgepresst und entkernt.
Jetzt sind sie so rein und neutral, dass sie sich überall anheften lassen.

begnadet

Dienstag, den 28. Juni 2011

Natur ist unbarmherzig.
Eine barmherzige Natur könnte nicht funktionieren.
Unter Menschen gibt es Barmherzigkeit.
Hier gibt es kein Leben ohne.

Ausweg

Montag, den 27. Juni 2011

Als er in der Welt keine Ähnlichkeit mit sich entdecken konnte, zog er sich daraus zurück.
Alles ist ganz anders, als ich dachte, dachte er.
Nicht einmal in Gedanken finde ich irgendeine Ähnlichkeit mit mir.
Dann setzte er sich auf eine Säule.
Der Beruf des Säulenheiligen, die einzige Position, die ihn jemals gelockt hatte.
Wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er
dort oben noch heute.

gut geraten

Sonntag, den 26. Juni 2011

Die erste Frage, die ein Rater sich vorzulegen hat:
wer bin ich, dass ich raten kann?
Stünde es nicht als Empfehlung, als lästige Empfehlung geschrieben:
der nehme sein Kreuz auf sich –
wer würde so etwas anderen raten?
Keine gute Meinung kann Bitteres versüßen.
Zweifel, ob stauros, der Pfahl, den sich jemand aufladen soll,
wirklich ein Kreuz ist.
Das Bild: es gehen alle, es geht jeder seinen Weg zum eigenen Tod hin.
Pfahlwege, Kreuzwege.
Da ist nichts dran zu machen.
Lohnt es, jetzt schon ins Bewusstsein zu bringen, woran man hängen und sterben wird?
Der zu schulternde Pfahl – in vielen Fällen das Unvermögen, eine Mischung aus Schwäche und Angst, ihn – den Pfahl – wirklich zu schultern.
Mein Kreuz: außer Stande zu sein, dies Kreuz auf mich zu nehmen
Auf sich nehmen sollen, wovon man eigentlich freikommen möchte.
Wenn das so ist, steckt in diesem Ding, in diesem Rat oder Auftrag, Unmut, Ängste und Schwächen auf sich zu nehmen, ein paradoxer, ein gegenläufiger Sinn: er läuft dir entgegen und trifft dich womöglich ins Herz, in den schwächsten und wundesten Punkt.

Zahlen

Samstag, den 25. Juni 2011

Zahlen, wie wir sie heute verstehen, vermögen dem Anschein nach alles zu erfassen.
Aber im Grunde sind es öde, leere, bettelarme, ja bedauernswerte Figuren.
Eine Ausnahme macht die Zahl, die man Ziffer nennt.
Das ist die Null, der Fingerzeig, mit dem das Nichts uns bedient.
Wo sie ihr Rätsel über das Zahlenwesen, über alle Nummern ausbreitet, so dass sie auf einmal alle verzaubert, eben verziffert erscheinen, da wird es unvermutet lebendig.
Beinah wie Spuk oder ein Vorschein von Auferstehung im
Reich der pythagoräischen Größen.

Die in der Null korporierte Leere – die arabischen Tradenten dieses aus Indien kommenden Zeichens haben sie sifr genannt – begründet und verfasst den Geheimcode unserer aktuellen Kultur. Wir schreiben in diese Leere hinein, verschieben sie, operieren mit ihr. Alles steht und geschieht in Interaktion mit ihr. Ein Engel aus der Dimension der Nichtexistenz. Ein geheimer Agent, agiert offen und doch wiederum so verdeckt, dass die Sache, in der wir geschäftiger als Ameisen sind, dass der Haufen aus faulen Werten, aus Anleihen, die aufs Nichts ausgestellt sind, nach menschlichem Ermessen nie restlos auffliegen kann.

Arbeitsplatz

Freitag, den 24. Juni 2011

Farben passieren Formen
Formen passieren Farben

Speicher

Donnerstag, den 23. Juni 2011

Die inzwischen im Internet kursierende und gespeicherte Datenmenge ist unvorstellbar.
Die Masse der Speichermedien, alle zusammengenommen, ist sicherlich groß, aber gering im Hinblick auf die Fülle aus Informationen, die sie enthalten.
CDs, Sticks, externe Festplatten und was es da noch so gibt, bilden einen neuen, einen wachsenden Gegenstandsbereich. Es handelt sich um Dinge, die von Menschen aufgeladen und abgefüllt sind. Doch ganz neu ist das wiederum nicht, eher die Spitze eines durchs Universum treibenden Eisberges. Sie knüpfen an Hervorbringungen an vom Typ der ägyptischen Pyramiden. Auch sie energetische Akkumulationen und Akkumulatoren zugleich, darin den derzeitigen Speichermedien vergleichbar. Zusätzlich gehören sie noch ins Reich der Symbole, die nach dem gleichen Prinzip energetischer Ladung funktionieren.
Sie stauen Energie und geben sie bei Gelegenheit ab.
Im Reich der präsentablen Symbole zeigt sich zwar schon eine Batterie, auch ein Akku da und dort, aber die aktuellen Speichermedien haben noch keine vergleichbar umrissene Gestalt angenommen.

Vielleicht liegt das daran, dass sie im Grunde den ganz gewöhnlichen Dingen immer ähnlicher werden. Sie erinnern daran, dass es sich ja auch bei Knöpfen, Fingernägeln, Zähnen, Hüten und Knoten um archivierte Informationen handelt, um Behältnisse, Träger oder eben Medien vielleicht unerschöpflicher, jedenfalls unberechenbarer Datenmengen. Diese Ähnlichkeit mit dem (scheinbar) geläufigen Fundus geschaffener und gewordener Dinge, schärft und weitet den Blick für den Botschaftscharakter, der in jedem Einzelding, in jeder Einzelheit steckt.
In ihrer Menge bilden sie ein Universum, eine Fülle, ein ‘Pleroma’.
Sie konstituieren eben die Welt, in der wir leben.
Mit geschärftem und geweitetem Blick die Nahrungshaltigkeit dieser ganz gewöhnlichen, allzu gewohnt gewordenen Speichermedien erkunden und entdecken. Heraufladen, was in ihnen steckt, was Generationen und Äonen vor uns in ihnen versteckt haben. Die Technik des Speicherns ist keine von uns erfundene, sondern übernommen aus Natur und Geschichte. Der Geschichte zugehörig ist auch die Empfehlung, die ein chassidischer Rabbi vor zweihundertfünfzig Jahren gab:
“Whenever you look at a physical thing, you should contemplate that you are also looking at the imminent Divine Presence. In this manner you are serving God through smallness.” *
Da der Mensch bekanntlich nicht vom Brot allein lebt, wäre die Welt, und sei es auch nur als mentale Speisekammer, in jedem Augenblick neu zu entdecken. Die dazu erforderliche Technik des H e r a u f l a d e n s  zu erlernen sind wir gerade dabei.

 

*) Baal Schem Tov, nach R. Aryeh Kaplan, The Light Beyond, 32

sonst

Mittwoch, den 22. Juni 2011

Sprache ist ein Medium, ein Wesen, in dem wir uns nahezu fortwährend bewegen, bei Tages- und Kunstlicht, manchmal auch noch im Traum. Dennoch – oder deswegen? – wirft sie immer wieder Rätsel auf und legt die, wie zur Untersuchung, vor die Füße.
Bei den Nachforschungen im Bedeutungsfeld des hebräischen Wortes für (das) Nichts = en
auf die Bemerkung gestoßen: “überall, wo in der Schrift (Bibel) en steht, so ist auch ‘ja’ darunter begriffen.” *
Ein schwer zu verdauender Happen.
Im hebräischen Bibeltext kommt en an die fünfzig Mal vor
Doch wenn es um eine so hyperkomplexe Angelegenheit geht, wie sie im Nichts gegeben ist, oder vielmehr entzogen und entrückt bleibt, darf man auf Überraschung gefasst sein.

Es sei an die Einsicht erinnert, dass die Konfessionen in ihren Sätzen und Lehren auseinandertreiben, dass aber die mystische (vielleicht auch die praktische) Erfahrung, die sie erlauben – oder zuweilen gleichsam widerwillig ermöglichen – die Gläubigen als Entrückte wieder zusammenbringt.

Es muss, mit anderen Worten, in der Sprache, die wir in diesem Augenblick bewohnen, die uns zwar immer wieder stolpern und stottern lässt, insgesamt aber doch einen verlässlichen und vertrauten Umgang ermöglicht, gerade im Umkreis von Nichts Erscheinungen geben, die denen korrespondieren, die im Talmud benannt worden sind im Hinblick auf en.
Denn sonst …, ja sonst wäre ja auch das hebräische Beispiel umsonst und verbliebe in einem Teilbereich, wie zum Beispiel die östliche These, dass im gegenwärtig gegebenen Seinsraum jedes Etwas eigentlich Nichts sei.
Ja, alles und jedes Sonst wäre in diesem Fall –
wäre ansonsten
umsonst!

*) Midrasch rabba zu Klagelieder, n. Jacob Levy, Wb. über die Talmudim und Midraschim, Bd. I, 67

Adam Sonst

Dienstag, den 21. Juni 2011

sonst Adam