Monatsarchiv für Mai 2011
Demut und Demütigungen
Montag, den 30. Mai 2011In seiner Schrift “Der Palmbaum der Deborah” betont Moses Cordovero den basalen Status der Demut.* In ihr sind alle Eigenschaften, aus denen sich Gott-Ebenbildlichkeit aufbaut, enthalten, wie in einer Walnuss der Baum.
Von daher wird verständlich warum Demütigung, also die gewaltsame, gegen den freien Willen einer Person verfügte Herabsetzung deren tiefste Erniedrigung darstellt.
Wer einen Mitmenschen beschämt und erröten macht, lautet ein rabbinisches Diktum, ist wie jemand, der Blut vergießt.
Versuche, Demut, diese Anlage zur Gottähnlichkeit, durch Demütigungen aller Art, außer Kraft zu setzen oder gewaltsam zu zerstören, ziehen sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte.
Derartige Anschläge und Versuche der Erniedrigung erreichen in den Juden- und Minderheitenverfolgungen aller Zeiten, der vergangenen wie der künftigen, immer neue Höhepunkte. Als ginge es tatsächlich um die Tilgung eines meta-physischen Kerns, oder darum, durch eine Art gewaltsam passivierender Simulation auszuradieren, was in uns gegen alle Formen von Gewalt und Bemächtigung spricht und sich aufbäumt.
*) R. Moses Cordovero, The Palm Tree of Deborah, ed. Louis Jacobs, New York: Sepher-Hermon Press 1974/1981, p. 70
die Barocken
Sonntag, den 29. Mai 2011In der Erzeugung eines völlig künstlich hergestellten Sublimen haben es die Barocken zu einer erstaunlichen Leiden- und Meisterschaft gebracht.
Noch heute bewundert man ihre Alleen, die sich in endlosen Parallelismen verlieren.
Geistig arbeiteten sie mit der Null, als wär’s eine Kugel im Boule oder im geläufigen Spiel mit neun Kegeln.
Einem von ihnen, weiland Bürgermeister in Magdeburg, gelang erstmals die Produktion und der Nachweis real existierender Leere. Dies geschah mit Hilfe voluminöser Halbkugelschalen aus Kupfer und einigen kräftigen Zugpferdgespannen.
Die Frauen trugen damals gewaltige Reifröcke und darunter Krinolinen aus Fischbein.
Auch Perücken waren in Mode und konnten wie Zylinder auf und ab gesetzt werden.
Die Damen der damaligen Zeit wurden von den Bildhauern am liebsten unbekleidet im Stein wiedererschaffen.
Ihre Nacktheit entspricht sehr schön der Glätte des Marmors und der rauen Haut des Gipses, die unter einer leicht darüber streichenden Hand zu spüren ist.
Sie haben damals Stoffe und Antimaterien gekannt, die sie mühelos zwischen Zeigefinger und Daumen handhabten. Heute erscheinen uns diese Dinge unter der Gestalt irgendwelcher schäbiger Klumpen und unansehnlich wie Taubenschiss.
Leonardo da Vinci
Samstag, den 28. Mai 2011Samsara
Freitag, den 27. Mai 2011handelt von den Kreisläufen oder Rädern, in denen sich die Lebewesen bewegen.
Sie kommen in Kreisläufen oder Zyklen zur Welt, hangeln sich darin entlang, bisweilen wie eingespeichert zwischen den Speichen.
Sie drehen sich mit, alle, da alles sich dreht,
tauchen auf, tauchen ab, tauchen unter.
Sie leben mit Lungen, Kiemen, Flügeln, mit irgendeiner Beute im Herzen.
Sie leben von Grün oder Rot, von Chlorophyll oder Blut.
Auch durch Flechten und Moose geht das Wandern vonstatten.
Tang, Wiesen, Wälder werden zu Schauplätzen von Samsara.
Was heute als Mikroorganismus oder Blume erscheint, im Gewächshaus, Labor oder Meer, blüht morgen vielleicht schon als Kampfhund, als Boxer im Ring.
Schnecken kämpfen sich auf den Naben des Samsara-Rades entlang und sitzen in Bälde tippend am Schaltpult.
Alles geht nämlich sehr schnell und dabei unendlich langsam vonstatten.
Alle Umschwünge zielen auf einen heimlichen Fluchtpunkt, den alle als Nirvana kennen, ohne je dort gewesen zu sein.
Gründliche Kenner der Räder, die sich in Samsara drehen, also lange und gründlich bewanderte Seelen, vertreten die Ansicht, dass Nirvana nichts andres als Samsara sei und dass die Leere, die in Samsara herrscht – wenngleich durch Bewusstsein verhüllt – nichts anderes sei als jenes selige Nichts, dem alle nachspüren, das in jeglichem nachzittert, ein wenig dem Echo des Urknalls vergleichbar.
Dürer, Zeichner
Freitag, den 27. Mai 2011zu Albrecht Dürers
“Der Zeichner des liegenden Weibes”
liegt jetzt unter “Seiten” ein Artikel vor,
Kurztitel “Dürer, Zeichner”.
Die darin enthaltenen Ausführungen gehen auf eine These von
Almut Sh. Bruckstein zurück, die sie in ihrem Buch “Vom Aufstand der Bilder” erläutert hat .
ausgleichende Gerechtigkeit
Freitag, den 27. Mai 2011Scheidung und Bund
Donnerstag, den 26. Mai 2011zu diesem Thema gibt es jetzt eine neue Seite,
siehe Seiten nebenan unter
“Bünde und Trennungen”
Kopie
Mittwoch, den 25. Mai 2011Es gibt etwas, wovon alle Welt lebt. Die Genome leben davon, die Speichermedien leben davon, im Endeffekt der ganze Mensch.
Auch ich. Man lebt von seiner Doublette. Dein Doppelgänger und du, ihr tauscht alle Augenblicke die Rollen.
Die Kopie, aus der jedes lebt, erlaubt Streuungen in die weite Welt.
Dort setzen sich die Ausschickungen neuen Belichtungen aus, den Belichtungen des Sternhimmels, diversen Strahlungen.
Alle Lichtpunkte sind darin navigierbar verzeichnet.
Möwen kreisen über einem Ozean ausliegender Folien. Fische beißen sich durch, bis auf die Gräten, um im Röntgenbild ihre Skelette zu zeigen, wie versteinert, wie auf Schieferplatte.
Kein Alter ist hier abzuschätzen. Wir zählen schon lange in Lichtjahren, ohne gemeinsamen Nenner. Alle Kopien werden immer feiner im Korn.
Man wird Emulsionen erfinden, denen keine Schwingung entgeht, in denen der zarteste Wellengang festgehalten wird. Alles grenzt an Illusion und Erfindung. Es erfindet, wovon es sich abgrenzt.
Numinos-numerische Bildträger stehen bereit zur Vermehrung eines materiellen Gedächtnisses, das freiwillig und unwillkürlich zugleich ist.






