Monatsarchiv für Januar 2010

klettern im Baum

Dienstag, den 12. Januar 2010

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Von Athanasius Kircher, einem gelehrten Jesuiten des 16. Jahrhunderts,
gibt es eine detaillierte Darstellung des kabbalistischen Systems
der so genannten Sephirot.

Die Illustration ist schematisch gehalten, gewissermaßen tabellarisch.

Sie zeigt die zehn elementaren Instanzen in ihrem Aufbau und wie
sie miteinander über „Kanäle“ verbunden sind.

Angefügt sind lateinische und hebräische Benennungen und
Kennzeichnungen, deren Verständnis, wie bei einem Bilderrätsel
oder Rebus, nicht nur eine gewisse Kenntnis der Sache voraussetzt,
sondern auch Phantasie, Intuition und Entzifferungsvermögen verlangt.

Das gilt auch für die acht oder neun piktographischen Elemente, die in die leeren Räume zwischen den Sephirot und den sie verbindenden Kanälen eingebracht sind.

Die untersten lassen sich als Altäre lesen, darüber ein Tisch mit zwei Aufbauten, die an Rechenbretter oder Abakus erinnern, wie sie bei den alten Rechenkünstlern seit Pythagoras in Gebrauch waren.

Auf der rechten Seite in der Tabelle eine Menora, ein siebenflammiger Leuchter.

In den Feldern darüber, gleichsam in Brusthöhe des Gesamtgebildes, erscheinen die beiden mosaischen Tafeln.

Sie nehmen den Blick bei jeder Betrachtung als erstes gefangen.

Das mag zu tun haben mit ihrer zentralen Position, vielleicht aber noch mehr damit,
dass sie eigentlich erst einmal wie Bienenkörbe aussehen.

Auch dann, wenn ihre Tafelgestalt einmal festgestellt und gesichert scheint,
verwandeln sie sich immer wieder in geflochtene Behältnisse voller
schwärmender, summender und tanzender Bienen und -völker zurück.

In den beiden Giebelfelder darüber tauchen Cherubsköpfe auf.

Sie winken mit ihren zu hoch angesetzten Schwingen wie mit zu kurz geratenen Ärmchen.

Es scheint, als seien alle sechs bestellt
zur Bewachung der obersten Sphäre gleich nebenan.
Diese Sephira heißt Kether (= Krone).

Sie bildet den Wipfel – man könnte auch sagen: die Wurzel – des gesamten Systems, das in seiner Struktur häufig mit einem Baum verglichen wird.

Kether ist als erste hervorgegangen, die erste “Emanation” überhaupt.

Alsdann wird der Blick des Betrachters magisch angezogen von einer Art gläserner
Welt-Kugel, die bis zur Hälfte schwarz mit Flüssigkeit gefüllt zu sein scheint.
Gefäß.
Es steht zwischen den Worten HORIZON und AETERNITATIS.

Der Pegel oder Spiegel der dunklen Substanz
darin bildet eine Art Gedanken- oder Bindestrich.

Die Figur bringt auch die schematische Zeichnung
eines Mondes ins Bewusstsein, dessen obere Seite
beschienen ist, während die untere gewissermaßen im Erdschatten liegt.

HORIZON AETERNITATIS ist der Versuch einer Wiedergabe der ganz oben erscheinenden hebräischen Schriftzeichen. Sie geben im Grunde Titel und Thema der gesamten Darstellung.

Sie lauten gesprochen En Sof.

 

Die Auslegung beider Worte und dessen, was damit gemeint sein könnte,
füllt Bände und elektronische Speicherarchive.

Häufig ist En Soph mit NICHTS gleichgesetzt,
einem Nichts, dem jedoch die Potenz zugetraut wird, aus sich selbst,
also wirklich aus Nichts
in die Fülle des existierenden Universums umzuschlagen.

Jedenfalls verweist HORIZON AETERNITATIS
exemplarisch auf Paradoxe und Dilemmata, in die man gerät,
sobald einer fragt, was war
vor dem URSPRUNG? 
woraus entspringt das (oder der oder die)  ü b e r h a u p t ?

 

Dann klettere man selber im Baum.
Das befreit und eröffnet

Ausblicke und in den Kanälen

geht immer was los. 

Innerei

Montag, den 11. Januar 2010

In den Eingeweiden oder Innereien eines Menschen, vielleicht noch mehr als in den

Windungen des Gehirns, finden die intimsten Verrichtungen statt.

Das Innerste kommt nicht von selbst.

Es wird nicht von selbst.

Es geht aus Einverleibungen hervor

(unter dem Doppelaspekt von Absorption und Ausscheidung).

Könnten wir wirklich in unseren verschlungenen Eingeweiden sein

(wo wir nie wirklich sind) ,

in unseren Innereien, im Bauch –

wir wären den dramatischen Orten innersten Geschehens

tatsächlich näher als im Kopf oder in irgendeiner

Windung des Hirns.

So aber -

ausgeweidete Existenzen –

schade!

Innen, Inneres, Innerstes

Sonntag, den 10. Januar 2010

Was ist das und wo findet es sich?

Ist es überhaupt ein Etwas, das aufgefunden werden kann oder nicht vielmehr durch seine Verborgenheit, durch sein Entrücktsein definiert?

Das Innere der Dinge ist von der Erscheinung frei, aber auf sie bezogen (Hegel).

An anderer Stelle setzt Hegel das Innere synonym mit dem „übersinnlichen Jenseits“.

Innerer Sinn = Verstand (Kant).

Inneres der Natur: Materie.

Warum Materie?

Weil Materie gleichzeitig etwas Geistiges ist, ein Denkwesen, erdenkend und dabei selbst erdacht.

Oder, wie die alten Naturkundigen meinten, hervorbringend und zugleich hervorgebracht,

natura naturata naturans – wobei sich beides bedingt.

So auch das Innerste.

 

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Wichtigtuer und Wichtignehmer

Samstag, den 9. Januar 2010

Gäbe es weniger Wichtigtuer, die Wichtignehmer hätten es leichter im Leben.
Es gäbe nicht die Horrorszenarien Schweinegrippe Islamistenterror Winterwetterkatastrophe ….
Alle, die leicht – oder aus Verantwortungsgefühl –  ernst nehmen, könnten freier
durch den Tag gehen.

Eine große Erleichterung für alle, gäbe es weniger Wichtigtuer,
weniger Leute mit dem Bedürfnis, sich als Angstmacher
hervorzutun, als Schwarzmaler oder Verdüsterer zu profilieren
.
So aber drängen sie ins öffentliche Bewusstsein, das den ärgsten Dränglern und lautesten
Schreiern tatsächlich
am ehesten Raum und Gehör gibt, als wäre die Lust auf den Schrecken
doch noch um ein Weniges größer als die Angst davor.

Wachstümer

Freitag, den 8. Januar 2010

img_2895-kl.jpgUnter der massiven Einwirkung von Minusgraden wächst aus Mauern, Fugen und Bögen Eis hervor, meistens in Form von Stäben, Stecken und Zapfen. Diese Erscheinungen erinnern an Gebilde,  wie sie beim Hervorfließen von Wachs und Stearin aus Kerzenflammen und unter dem Eindruck niedrigerer Temperaturen an den Außenwänden der Kandelaber entstehen. Damit verwandt sind auch die in Jahrtausenden gewachsenen Tropfsteine in den Höhlen gewisser Kalkgebirge, sowie die Fettablagerungen, die sich in den Großküchen an und unter den Kesseln zeigen, in denen ausgiebig mit gehärteten Fetten frittiert wird.

Traumreste

Donnerstag, den 7. Januar 2010

wie Wasserlachen nach
einem Wolkenbruch

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beim Erwachen

feststellen: alles ist gefroren, spiegel-

glatt Hintern und Hufe, Haare und Socken –

alles klebt im Eis fest,

auch der darin gespiegelte Himmel

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KAELTE ff.

Mittwoch, den 6. Januar 2010

Im Griechischen stammen ‘psyché

 = Seele’ und ‘psychrós = Kälte’ aus einer gemeinsamen Wurzel. Die Seele als der hauchartige und kühle Seelenteil gegenüber dem feurigen ‘thymos’.

Warum ist die Psyche ‘kühl’?

Sie ist zum Bewusstsein hin abgekühlt (gezähmt), die Psyche als kultivierter, sozialisierter und domestizierter ‘thymos’.

 

Die Seele als ‘Eisscholle’ im ‘Ozeanischen’.

 

Gefahr des Zersplitterns (Fragmentierung) wie auch der Auflösung (Schmelzen) mit der Herausbildung der ‘psychischen’ Instanz gegeben:

die Kältequalität zeigt sich in einer gewissen Sprödigkeit des Psychischen, Neigung zu Brüchigkeit, allerdings auch infolge zunehmender Ausdifferenzierung, filigran und verästelt.
Reif, gefrorene Wasserpartikel, in denen Wälder, Federkleider und andere Metamorphosen des Psychischen sichtbar werden, alles unbeschreiblich subtil verzweigt und eindringlich, osmotisch durchdringend, dabei in fließenden Übergängen von eisiger Verdichtung zu Verdünnung, Verdunstung. Ein Kreislauf, der an den des Wassers erinnert, zurück in den Luftraum, ins Meer, in die Säfte, die in den lebendigen Substanzen und Lebewesen zirkulieren. 

 

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Gegensatz amorph – kristallin.

Spiegelung als Kältephänomen: Narziß am eistreibenden Styxfluß.

Reflexion und Konzentration (Zusammenziehung).

KAELTE f.

Mittwoch, den 6. Januar 2010

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Im germanischen Weltbild ist Niflheim der eisige Gegenpol zum feurigen Muspellsheim. Aus dem Zusammenwirken dieser beiden Extreme geht der Urriese Ymir hervor (‘Ymir’ = ‘Zwilling, Zwitter’). Er entsteht im Abgrund Ginnungagap. Ymir wird zum Vater der Reifriesen. Ymirs Blut = Meer.

In der jüdischen Mythologie (Midrasch): Gott holt von unter dem Thron, auf dem er sitzt, eine Handvoll Schnee hervor und bildet daraus die Welt.

Norden, Eis und Schnee bei Hiob.

Vision des Hesekiel.

Daraus vielleicht abgeleitet die Vorstellung von einem Kristallhimmel, der sich oberhalb der Fixsternsphäre befindet und rein kristallin, dabei völlig sternenleer ist.

Das Gegenstück zum Kristallhimmel ist die Eishölle, wie sie etwa in der Dichtung Dantes vorkommt. Die Eishölle ist der neunte und unterste Höllenkreis, in dem Satan bis zu den Schultern eingefroren steckt.
Der Kristallhimmel ist der neunte Himmel (sieben Planetenhimmel, Fixsternsphäre, dann Kristallhimmel, dann Feuersphäre oder Empyreum).

Er entspricht, wie Megenberg meint, den ’oberen Wassern’, von denen im biblischen Schöpfungsbericht die Rede ist.

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Der ‘Kristallkörper’ im Auge: ‘Sieben Häute umschliessen die kristallische Feuchtigkeit, in der die Sehkraft liegt’
(Megenberg, Buch der Natur 10,10).

KAELTE

Mittwoch, den 6. Januar 2010

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*Frost, Eis, Schnee, Reif -

Kälte ist in der Regel jahreszeitlich (Winter) oder geographisch gebunden (Arktis, Antarktis, hohe Berglagen, ‘hoher Norden’, Weltraum.

Natürliche Kältephänomene: Gefrieren des Wassers (Gletscher, Eisberge, Polkappen), Erstarrung, Kristallisation.

Wasser dehnt sich aus, die meisten anderen festen Substanzen (Metalle, Quecksilber) ziehen sich zusammen.

Analogie von Eiskristallen und mineralischen Kristallen (Bergkristall).

Kristallisation bedeutet nicht nur den Übergang von flüssig in fest, sondern steht auch für den Umschlag des weichen und beweglichen organischen Lebens in eine harte, mehr oder weniger dauerhafte anorganische Ordnung. Geometrisierung der Natur. Regelmäßigkeit und Vielfalt innerhalb dieser Ordnung.

Eindrucksvollstes Beispiel: der Schneekristall. Jeder Schneekristall wiederholt ein symmetrisches Grundmuster und wandelt es individuell ab. Kein Schneekristall ist wie der andere.

Eisblumen, Rauhreif und ähnliche Phänomene.

Hagel: nach mittelalterlicher Vorstellung (Konrad von Megenberg, ‘Buch der Natur’) Kristalle, deren Kanten im Herabfallen durch die Luft abgeschliffen werden.

Ebenso war man der Ansicht, dass auch die mineralischen Kristalle (Quarz, Bergkristall usw.) aus Wasser ‘gefroren’ wären. Daher der Name ‘Kristall’.*

im letzten Akt

Dienstag, den 5. Januar 2010

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Im letzten Akt nicht mehr geschlafen.

In anderen Rängen beginnt es zu schnarchen.

Seitlich im aufgezogenen Vorhang: ein Specht lässt sich nieder und bearbeitet

den weinroten Samt.

Magisch erscheint gelb gefleckt und grünlich gestreift eine Katze, ein Kater mit quadratischem Schädel, vielleicht zu den Darstellern, vielleicht in die Requisitenkammer gehörig.

Spiel, aus der Ferne schwacher Applaus wie von sickerndem Wasser.

Die Geräusche der Schläfer werden schwächer und schwächer.

Aus dem Orchestergraben reckt sich empor – beiläufige Eingebung des Choreographen – ein Violinist aus versunkener Haltung, hebt die Fiedel ans Kinn und beginnt schwermütige Serien zu klagen.