Monatsarchiv für Januar 2010
Bildraum und Bildfläche
Donnerstag, den 21. Januar 2010Das Geheimnis des zur Fläche zusammengedrückten Bildraums, das Vermögen dieser Fläche, ungesehene und ungeschehene Ereignisse aus sich zu entlassen, beleuchtet die Bezeichnung Leinwand. Zu dem, was darauf festgehalten ist, an Linien, Pigmenten, Partikeln oder auch Pixeln, gesellt sich all das, was die herzutretende Person hineinsieht oder visualisiert.
Der Bildraum zeigt sich als screen, also als eine Art optischer Filter mit zugleich stimulierender, d.h. das visionäre Vermögen erregender Wirkung.
Darauf verweist der Ausdruck canvas für Leinwand: canvas geht auf cannabis zurück und der Blick in den Bildraum geht immer wieder aus dieser halluzinogenen Fläche hervor.
Bildgeschehen
Mittwoch, den 20. Januar 2010Was sich auf einem Bild abspielt, ähnelt dem, was sich woanders abspielen könnte,
im Stadion, im Kaufhaus, im Elfenbeintower eines außerirdischen Flughafen, also überall, bloß dass alles, was im Bildraum geschieht, noch ein wenig unerwarteter ist als irgendwo sonst.
Meistens begnügt sich dieser Raum damit, fast völlig plan und flächig zu sein, gleichsam plattgedrückt wie Pappkarton oder Leinwand. Also virtueller Raum.
Dennoch – oder gerade deswegen – entwickeln sich da Prozesse, unvorhergesehen wie nirgendwo sonst.
Das Geschehen draußen lehnt sich irgendwo an, kommt bekannt vor, liegt nahe. Ausnahmen und Katastrophen lassen wir einmal außer Acht.
Die Vorgänge im Raum des Bildes tendieren jedoch dazu, abzulehnen, Erwartungen zurückzuweisen, die bei der Betrachtung fast automatisch hervorgeholt und ausgepackt werden, wie eine Brille aus dem Etui.
Das Verirren, das draußen verhältnismäßig selten erfolgt, im Bildraum widerfährt es ganz häufig, auf spezifische und ziemlich unvergleichliche Weise.
im Fadenschein
Dienstag, den 19. Januar 2010Perspektiven ins Fadenkreuz hängen -
zerlegt, verblichen, verlebt:
Wünsche im Fadenschein wälzen
Nähte im Widerschein mustern
durchscheuerte Hemden, gelöcherte Socken und
Netzhaut in Fadenschein bringen:
im Fadenschein reihen und reisen und speisen.
Im Fadenschein zweifelhaften Genüsse und
zwielichtigen Geschäften nachgehen
wie üblich
Geldnoten
nur echte mit silbernem Scheinfaden
angeln.
Argumente hoch holen,
durchscheinend und fad
den Gegnern an die Hemdenbrust werfen.
Glasnudeln auf Glatzen und bis
an die Taillen offene Shirts
zwischen denen ein Fadenkreuz
baumelt an seidener Schnur
bimmelt und bammelt
an dünnem
an durchscheinendem Faden darunter
(der Pointe zuliebe)
ein KREUZ durch und durch
cross.
fromme Wünsche eines losen Geschöpfs
Montag, den 18. Januar 2010nicht unbedingt hat es mit diesem zu tun.
Einköpfige Pyramiden, doppelschultrige Hebel und Stemmer im Fliegengewicht,
Satanspilze mit Lamellen und Röhren, durch die
Diamantenstaub bläst,
veilchenfarbener Rost …
Zwar irgendwie schon,
aber in Wirklichkeit hat
nicht alles hat mit jedem zu tun:
Nicht in jeder Ziege steckt eine Chimäre und nicht jeder
Bock grast in grünen Tiefen eines gläsernen Beutels.
Zwar wandern auch Schnecken über Beton
Pisten Sockel und hängende Brücken,
aber nicht alle!
niemand wird daher
daraus Regeln ableiten.
Kauf dir ’nen Strick und bind’ deinen Hals,
ein Amulett zwischen die Brüste zu hängen.
Geh ins Roulette und spiele Ziffer und Zahl, spiele rot oder schwarz oder Kugel.
Geh wieder nach Haus und sei andren im Unglück zum Glück,
unterm Fingernagel das Rosa,
im Auge was Schwarzes,
oder einfach am Himmel
ein Blau.
Tauwetter zieht auf
Sonntag, den 17. Januar 2010
An der Frostgrenze hämmern die Spechte.
Sie zertrümmern unvorstellbar aufgetürmte Wassermassen, gefroren.
Es bröckelt überall, die Eisfront wackelt.
Schneemauern stürzen ein, als würden Trompeten geblasen.
Es trieft, planscht und sickert überall:
der Schnee im Eis, das Eis im Wasser, das Wasser in den Straßen, die Straßen im Split.
Alles sickert und strudelt dort hin, wo es niemals hergekommen sein kann.![]()
im Labor
Samstag, den 16. Januar 2010Perioden und Phasen
Freitag, den 15. Januar 2010ödipale Neugier
Donnerstag, den 14. Januar 2010zeigt sich darin, wissen zu wollen,
Fragen zu stellen, die zurückgehen und fußen
Grundfrage:
wer sind meine Eltern – aber in Wahrheit?
Ein so fragender Mensch hat natürlicherweise Mutter und Vater,
hat Erzeuger, leiblichen Mann und leibliche Frau.
Irgendwie sind die zusammen gekommen.
Doch wie ist so was passiert?
Wie ist es gekommen, dass es schließlich zu mir kam?
wie hat sich was zusammengetan, dass sich jetzt
alles auf einmal in m i r ballt?
wo komme ich, nicht der Überlieferung nach,
nicht dem Hören und Sagen nach,
sondern in Wirklichkeit her?
Und wenn es so und so sein sollte:
was hat dann die hervorgebracht und werden lassen,
die mich werden ließen und hervorgebracht haben?
Die Suche nach Gründen der Entstehung, nach
fremden und eigenen Ursprüngen, Mündungen, Quellen gerät immer wieder
an die fons vitae, an die enge Pforte der Entstehungen,
an die Wurzel der
Generationen.
Dort sind total inkompatible Faktoren gegeben, die dennoch in Konjunktionen geraten.
Eine flüchtige, eine kaum ephemere Übereinstimmung macht
diese verschlossenen, diese sterilen Faktoren im Bruchteil
eines Augenblicks generativ
(dabei scheint Inkompatibles ausgeschlossen zu sein, ferngehalten von jeder Erzeuger- oder Hervorbringerschaft - jedenfalls im Prinzip).
Schöpfung, Genesis, Genealogien und Erzählungen um und über Entstehungen …
Toledot, Genealogien, die gewiss nur Sagen sind.
Stammbäume wachsen gewiss
natürlich nicht in den Himmel.
Sie werden erdichtet, erzählt.
Neugier hat sie nicht selber gegraben, gepflanzt,
nährt und begießt jedoch mit hellem Interesse und lichtem Entzücken,
gräbt im Dunkel auch rundherum um
(regenwurmartig).
Mythisches Gelände, Landschaften,
Urwälder, in denen sich ödipale Neugier reflektiert und bewegt.
Sie und sich und alles in ihnen verwandelt sich und wird Forschung.
Gegenstände verwandeln durch Phänomene
verzaubert in denen sie zugleich ihre Motive verbirgt:
sie werden Natur und aus Natur zieht Wissenschaft ein und Wissen hervor.
Aus Wetter und Wind, aus Donner und Blitz kommen
Schrecken und Entzücken entgegen,
ein entrückender Geist.
Da sind sie!
die Naturen, die Geister,
Kobolde und Triebe,
deren Konkubinat voller Widerstreit und Vermischung der
Glieder, Säfte und Züge
phantastische Szenarien ausfüllt.
Das setzt Phantome und Schimären ins Netz
und überall auf den Bildschirm.
Landschaften, Orte, Weisen und Welten …
Aber das alles will immer wieder
neu gedacht, erfragt, erforscht und erträumt sein,
experimentell, wenn es geht.
Denn:
am Entstehen von eins oder zwei
sind mindestens dreie
beteiligt:
eine Mutter, ein Vater
und
Neugier danach
die vorläufig und wie zum Versuch
sich in der Gestalt eines Kindes
![]()
Drei werden
es aber sind
niemals Eins
Zentrale Betrachtung
Mittwoch, den 13. Januar 2010
Innenauge wie Drohne Luchs oder Sperber
Wer weiß, was der Fall ist – wer weiß?
Dem Augenschein nach umlaufen Sonnen die Erde.
Erdkörper und Monde, Satelliten, Sensoren, Träumer und Späher in ihren jeweiligen Flugbahnen, in ihrem je weiligen Fluss.
Überall fließt aus und strömt ein.
Kreisbögen, von denen es heißt:
schwingt aus dem Zentrum hervor, gleichsam aus Nichts!
Tut oder bleibt
einfach hängen.
Mittelpunkt: immer seltener versteckt und verdrückt
in Zirkelspitzen und Zirkus -
auch Circe lässt grüßen.
Doch wo hat Horizont seine Mitte oder
Teufelskreis seinen Tief-Punkt?
Wo insgeheim
wandert Mittelpunkt Tag und Nacht auf Peripherie und
gleichsam auf Trebe,
verlässt unentwegt Ort und Stätte von Vermutung und Setzung.
Sendung seit jeher, seine Bestimmung
vielleicht vielleicht
auch nur auf Papier.
Im Flüssigen zirkulieren
Wasser und Treibstoff, Sprit und Blut zirkelt
Röhren, Kanäle.
Zirkulationssphären auch und haben es in sich.
Zentren ohne Ende Zentralen
in Blutbahn schleudernd geschleudert.
Drittens: Tangente:
Tangente zeichnet Berührung, vielleicht nur e i n
einziges Leben im Mal, nur e i n m a l im Leben
erfolg
Parallele Parallele
ganz anders:
Stränge von Gleisen zum Beispiel.
Anschauung: unaufhaltsam drängt Unendlichkeit an,
mit Schnittpunkt und Kreuz,
Unendlichkeit in der schneidet und kreuzt,
wo sie vielleicht wie befreit
hinwegsetzen über einander,
weglaufen weg
weit nachdem sie eine Ewigkeit zumindest
schon lange
nebeneinander her gerannt sind.