Monatsarchiv für Januar 2010

Wände

Sonntag, den 31. Januar 2010

Momentan stehen im Haus Pinwände und Tanwände zur Produktion.

Sie werden frei stehend aufgerichtet.

Auf diese Weise sind sie von allen Seiten zugänglich.

Die Arbeit kann beginnen.

Was darauf befestigt, also getanned und gepinned wird, sind Bruchstücke oder Exzerpte aus größeren Erzählungen. So schweifen die Tafeln manchmal ins Historische ab, verlieren sich in Mythisches, werfen den Betrachtern anekdotische Brocken entgegen.

Aus dem Zusammensetzen der Papierscherben und Schnitzel ergibt sich ein neuer Bericht.

Es werden Schilderungen nichtexistenter Gegebenheiten erwiesen.

Die Teile bauen auf zu größeren, meist ins Unabsehbare, ins Uferlose sich verlierenden Zusammenhängen.

Wichtig dabei: von größter Bedeutung: die Unkenntlichkeit der Partikel, Parzellen, Scherben. Daraus baut sich das ganze auf. Es könnte sich nicht bis in die obersten sphärischen Nebelstreifen türmen, ja in eine noch höhere, absolut wolkenlose Bläue, wenn nicht jedes Einzelteil irgendwie unkenntlich wäre, also ohne bestimmbare Identität, Herkunft und so weiter.

Die Unkenntlichkeit reicht bis ins winzigste Element.

Daher dieses Emportürmen und jene voluminösen Erscheinungen, die sich auf den Stellwänden ballen und daraus hervorbrechen wie Wolken, auf denen den Menschen Traumschlösser und Tagträume nahen

und vielleicht  auch Erlöser.

Bild Jesaja

Samstag, den 30. Januar 2010

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befindet sich an unbedeutendem Ort.

Louvre und Rom sind weit weg.

Dennoch handelt es ein wenig auch von diesen Orten, gleichsam am Rande.

Zentral ist Jesaja, teils figürlich, teils als Reminiszenz.

Er thront im Aufeinanderprall der Weltpunkte und Zeiten. Zeiträume und Ortschaften stürmen an und branden wieder zurück.

Das ist der Ort des Propheten, die Stätte seiner Visionen, seiner Beschwerden, ein visionärer Punkt in einem imaginären Universum.

Nicht, dass dieses Universum nur in – oder aus – Imaginationen bestünde. Das nicht.

Aber seine Existenz, sein Erscheinen, seine Wirklichkeit, das alles ist auf solche Vorstellungen angewiesen und bliebe ohne diese total abwesend, null, nichtig, eine tödliche Leere, ja Falle vielleicht.

Jesaja sichtet, damit die Welt sehen kann und ihrerseits sichtbar wird.


Also ein relativ einfacher, ein ganz elementarer Mechanismus und Vorgang.


Das Thema des Propheten entrollt einen schweren Konflikt, der von Anfang an tobt.

Er tobt zwischen Gleichzeit und Gegenzeit.

Ohne das Zutun des Propheten, das in erster Linie ein Zu-Sehen ist, bliebe der Konflikt unaufgerollt. Aber so …


Dieses Ausspulen und Entwickeln könnte verglichen werden dem Entwickeln einer Filmrolle. Es hat die Propheten vom Schlage Jesajas seit jeher unbeliebt gemacht.

Ihre stacheligen und sperrigen Verkündigungen, ihre ungemütlichen Proklamationen stellen sich gegen leichtfertige Prognosen, die von realistischeren, besser eingepassten Leuten geliefert werden, als sie selbst es sind. Sie gehen dagegen an.

Prophetie und Prognose sind im Grunde disparat, bereits von ihren Urhebern oder vielmehr Lieferanten her.


Die Weltzeit, auf die sich der prophetische Blick richtet, hat nichts zu schaffen mit den möglichen Zuständen, Entwicklungen oder Ereignissen, die prognostische Kalkulation ermittelt und eine auf Wahrscheinlichkeiten abzielende Spekulation einschärfen will.

Lebensmittel

Freitag, den 29. Januar 2010

Nahrungsmittel laufen aus und werden durch andere ersetzt.

So genannte natürliche durch so genannte künstliche; handgemachte, handgerührte, handverlesene usw. durch maschinell verfertigte und sortierte. Eine Geschichte der Entstehung von Nahrungsersatzmitteln schreiben, wann und warum sie wie und was substituieren.

“Margarine, ein Ersatzmittel für Butter, früher rundweg Kunstbutter genannt. Die Initiative zur Darstellung dieses Produkts ist von Napoleon III. ausgegangen, welcher 1869 dem Chemiker Mège-Mouriès den Auftrag erteilte, zu untersuchen, ob es möglich sei, eine Butter zu bereiten, die wohlschmeckend, nahrhaft, unschädlich, dauerhaft, aber billiger sei als die natürliche Butter. Das Ergebnis dieses Auftrags ist die Entstehung eines neuen Industriezweigs geworden. Als Rohmaterial dient dazu das Fett von Rindern, welches den Fabriken zugeführt und hier zuerst durch Waschen in Wasser von 17° von allem anhängenden Blut, Schleim und dgl. befreit wird …”[1]

Dieses Produkt erhielt in Nordamerika den Namen Butterine,  wurde in Deutschland unter verschiedenen Bezeichnungen verzehrt, Sparbutter, Marienbutter u.a.m. Sie bildete einen wichtigen Bestandteil in Ururgroßomas Küche.

Um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert machte sich ein gewisser Enthusiasmus an dieser Neuerung fest.

Jedenfalls betont das sonst eher sachlich darstellende Volksbildungswerk Brockhaus in einem ungewöhnlich ausführlichen Artikel “Margarine“, es könne “vom hygienischen Standpunkte nur gewünscht werden, dass sich die M. als Volksnahrungsmittel immer mehr einbürgere.”

Im ergänzenden Artikel “Kunstbutter” wird hingewiesen, dass die erste Margarinefabrik 1871 in Paris gegründet worden sei, dass es aber jetzt – also in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts – “fast in allen Ländern  Kunstbutterfabriken” gäbe. “Am großartigsten wird die Fabrikation in den Vereinigten Staaten betrieben, wo 1888 schon 37 Fabriken bestanden. In Deutschland bestehen gegen 45 Fabriken dieser Art, von denen eine (in Ottensen) allein jährlich 3 ½  Mill. kg ihrer Erzeugnisse in den Handel bringt. Die Gesamtproduktion in Deutschland ist nicht bestimmt ermittelt. Von den Fabrikanten wurde sie 1896 auf etwa 100 Mill. kg angegeben.”

Dieser Taxierung von Seiten der Industrie stand die begreiflicherweise völlig andere Schätzung der landwirtschaftlichen Verbände entgegen: “in landwirtschaftlichen Kreisen wird sie dagegen etwa auf das Zehnfache geschätzt.”[2]

Beim Gang durch die Käseabteilung eines Supermarkts fragt sich ein Kunde, besteht dieser Käse wirklich aus Käse? Und dies zu Recht. Denn schon im Ausklang des neunzehnten Jahrhunderts kannte man “Margarinekäse, ein mit Abfällen der Margarinezubereitung erzeugter Kunstkäse”, hhhmmm lecker, und schon vor 120 Jahren im Angebot!

Auf eine Schnitte mit guter Kunstbutter gehört dick gestrichener Kunsthonig.

Dazu an späterer Stelle.




[1] Brockhaus’ Konversations=Lexikon, Leipzig, Berlin und Wien 1898, 11.Bd., 586

[2] Brockhaus’ Konversations=Lexikon, Leipzig, Berlin und Wien 1898, 10. Bd., 802

ein polymeres Universum wird generiert

Donnerstag, den 28. Januar 2010

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Die Darstellung* nimmt Bezug auf eine Erfahrung, die vielleicht so oder ähnlich jeder und jedem Einzelnen unterschwellig eingeflossen ist.

Der Zeitpunkt des Ereignisses, wenn es denn einen gab, bleibt individuell unbestimmbar.

Entsprechend wird hier das Ereignis persönlicher und erstmaliger, also “initialer” Polymerisation als eine Seite eines ungeheueren Bilderbuchs dargestellt.

Irgendein Schatten der ganzen Geschichte – das nur nebenbei – ist im Bakelit niedergelegt.

Im Plexiglas hingegen sind Helligkeiten, Farbigkeiten, Transparenzen und andere Wunder des Lichts fortgesetzt.

Sie hatten vor Urzeiten im (anorganischen) Glas begonnen, nachdem es – irgendwie aus Feuer hervorgeflossen – den Menschen zum ersten Mal unter die Augen geriet.

 

*) es gibt dazu auch eine Seite, anzuklicken rechts unter Polymeres Universum

Pudelmützen

Mittwoch, den 27. Januar 2010

In diesen frostigen Januartagen ist die Pudelmütze ins Straßenbild zurückgekehrt. Ihr Name ist ungewisser Herkunft. Mit dem Hund hat die Kopfbedeckung auf den ersten Blick gar nichts gemein.

Vielleicht hat es früher einmal Buddelmütze geheißen, vom flaschenförmigen Aussehen dieses vom Kopf herabhängenden Wollstoffes.

Buddel geht auf französische Weinflaschen zurück, bouteilles de vin, die schon im 17. Jahrhundert massenhaft nach Deutschland gelangten.

Aber es wäre auch möglich, dass die Mütze so heißt, weil sie seitlich bzw. rücklings langgezogen bis in den Buddelsand hängt, der die Strände der nördlichen Meere bedeckt. Denn gerade dort erfreut sich bis in unsere Tage das Tragen von Pudelmützen höchster Beliebtheit.

Wenn das so ist, wären wir jetzt doch wieder beim Pudel angelangt, mit zoologischem Namen canis aquaticus. Das Tier heißt so –  eigentlich Wasserhund – weil es eine ausgeprägte Vorliebe hat fürs Herumtollen in Wasserpfützen. Es liebt nordseenahes Gelände, das mit Wasserlachen (niederdeutsch Pudeln) durchsetzt ist.

Was übrigens den schwer zu fassenden Kern der Pudelmütze betrifft:

da sollen sich andere den Kopf unter

ihrer Pudelmütze zerbrechen!

Bilder

Dienstag, den 26. Januar 2010

Von Hölderlin gibt es ein Bild, das Gesicht eines Sehers
Ort ist Patmos:
Und es grünen
Tief an den Bergen
auch lebendige Bilder …

(dazwischen Felsen, struppiger Lorbeer, knorrig gewundene Olivenbäume
zwischen den Bildern,
denkt der Betrachter … aber dann:)

Doch furchtbar ist, wie da und dort
Unendlich hin zerstreut das Lebende Gott.

im Gemäuer

Montag, den 25. Januar 2010

es kommt vor: man existiert im Doppelboden –

unvermeidliche Existenz ohne Netz und Sicherungsseil.

Also zwischen zwei Böden bewegt, geduckt, eher schleichend als stehend.

Von oben, vom unteren Boden, wo man anstößt mit Nacken und Kopf, rieselt es.

Von der Decke staubt es herab, vom ausgespannten Plafond fallen Brocken.

Um Anstoß des Nacken und Kopfs zu vermeiden geht man auf Knien.

Der eine der Boden stößt bei jedem Schenkelhub gegen das Knie.

Die Zehen verbiegen sich am unteren Boden, am Estrich, der rau, roh und stellenweise vielleicht betoniert ist, ansonsten hohl auf weite Strecken.

Auch hinter dem oberen Boden sind Geräusche zu hören von Stimmen, flatternd wie Fledermäuse im Ultraschall.

Unterm Unterboden Kratzen und Schaben. Dort wandern sie, die Ratten in Strömen entlang, Maulwürfe üben Jonglieren, werfen Hohlräume auf. Vielleicht heben sie gerade ihre rosigen Hände und winken uns zu, während auf ihren spitzen Nasen die Erdbälle rollen.

Zwischenraum oder -Welt nennt man, was zwischen unten und oben eingesperrt ist.

Leitern liegen flach da und dort. Aber sie nutzen zu nichts und erinnern bloß an andere Zeiten, in denen es einmal hinauf und hinab gehen mag.

 

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Sphinx interviewt Sphinx

Sonntag, den 24. Januar 2010

rätselhafte Neugier und ein nicht zu stillendes Interesse, das zum unendlichen Prozess der Selbstbefragung führt: Alles kann in den Horizont des Fragens und scheinbarer Beantwortung treten.

Ungewiss bleibt bloß, wer da wen befragt.

Giacometti meint: “Unser Tun ist nichts anderes als eine starke ständige Frage an das Universum, das auch wir selbst sind. Für jeden von uns ist die Welt eine Sphinx, vor der wir stehen, ein Leben lang, eine Sphinx, die unser Leben lang vor uns steht und die wir befragen.”

 

Alberto Giacometti, “Ohne jede Kontrolle”, 1929

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Im Bann der Pyramide

Hocker und Throner

Samstag, den 23. Januar 2010

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Hocken und thronen, das ist es.

Träumen und hocken auf Stühlen und Töpfen,

auf Pfannen, Schemeln und Nachtkacheln erfolgreiche Stuhlgänge durchführen.

Sitzen, versteinern und sterben.

Gebuckelt durchs stockfinstere Hockergrab gehen.

Im Dunkeln den Hochsitz ertasten und draufhockend testen.

Dann schwören: niemals im Leben und nirgends im Tod

mehr schlafen und liegen,

immer nur träumen und hocken und thronen und träumen

bis dort wo

einst Alles aus

geheckt

Sein

wird …

Bilder aus Bildern

Freitag, den 22. Januar 2010

Bestünden sie nicht aus unsichtbaren Bildern, die Bilder,

sie könnten keinen Augenblick bestehen.

Ein Anblick würde genügen, sie zunichte zu machen.

Ein einziger Sehstrahl ginge wie ein Messer, wie ein Laserstrahl

durch sie hindurch.

Oder wie das Sehloch durchs Auge

ohne das Püppchen

Pupilla.