Monatsarchiv für Oktober 2009

im Wandel

Samstag, den 24. Oktober 2009

„Wir nehmen aber in Wirklichkeit nichts Untrügliches wahr, sondern nur, was nach der jeweiligen Verfassung unsers Körpers und der ihm zuströmenden oder entgegenwirkenden Einflüsse sich wandelt.“ Demokrit, vor zweieinhalbtausend Jahren, Fragment 9.

Wir leben also in ständiger Verwandlung, Metamorphose unserer selbst und der ums umgebenden, beeinflussenden und beeindruckenden Welt.

Es sind seit jeher große Anstrengungen unternommen worden, diesem Wandel, der ja nicht nur Werden, sondern auch Vergehen beinhaltet, Einhalt zu gebieten.

Aber es ist so geblieben, dass nichts

wirklich bleibt, weder dasselbe

noch andres.

mit Leib und Seele

Samstag, den 24. Oktober 2009

zwei Züge der Naturwissenschaften[1]:

  • die Annahme, dass die Welt verstanden werden kann;
  • der vereinfachende und vorläufige Kunstgriff der Ausschaltung der Person des „Verstehenden“.

Man war sich so wenig bewusst, dass dieses Ausschalten ein besonderer Kunstgriff ist, dass man versuchte, das Subjekt  i n n e r h a l b  des materiellen Weltbildes aufzuspüren, und zwar in Gestalt einer Seele, entweder einer materiellen, aus besonders feinem, luftartigem und beweglichem Stoff gemacht, oder eines gespenstischen Gebildes, das in Wechselwirkung mit der Materie steht.

Diese naiven Vorstellungen haben Jahrhunderte überdauert und sind heute noch keineswegs ausgestorben.



[1] Erwin Schrödinger, Die Natur und die Griechen, Wien/Hamburg 1987, 95

nicht vereinbar

Freitag, den 23. Oktober 2009

Den Pythagoräern werden viele wichtige, die Natur der Welt und die Ordnung des Kosmos betreffende Erkenntnisse zugeschrieben. Aber ihre vielleicht größte und folgenschwerste Entdeckung, die sie lange geheim gehalten haben, ist die des Prinzips der Inkommensurabilität

in allen Dingen, insbesondere im Reich der vollkommensten geistigen Ordnung, in Mathematik und Geometrie. Der Ausdruck dafür lautet bei ihnen
alogía
was dem Hauptsinn nach Unvernunft, Irrationalität bedeutet, oder Inkonsequenz und Widerspruch.


Das Verschweigen oder Unterdrücken des inkommensurablen Moments in den meisten vernunftgeleiteten Theorien gehört zu den Verhängnissen europäischer Geistesgeschichte.

Der Widerstand oder auch Widerspruch, den die Phänomene und Sachverhalte immer wieder gegen ihre allzu schlüssige Erfassung geltend machen, ihr Ungehorsam gegen die Zwangsverordnungen der Ratio wurde schlicht mit ihrer Nichtbeachtung erwidert oder bestraft.

Für Nichtbeachtung und Ungehorsam steht dasselbe Wort alogía.

 

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Schrödinger erinnert an die Verlegenheit der antiken Naturforscher, eine Zahl zu finden für die Diagonale eines Quadrats mit der Seite 1.

Heute sagen wir „Wurzel aus 1“ und erhalten einen Dezimalbruch mit unendlich vielen Stellen.

Wir fühlen uns heute imstande, jedem Punkt auf der Geraden von 0 bis 1 eine bestimmte Zahl zuzuordnen, ja sogar zwischen 0 und plus unendlich, wenn nur der Nullpunkt vermerkt ist. Kurzum, wir fühlen uns im Besitz des Kontinuums, wir haben es gemeistert.

Wir haben den Brocken geschluckt, den Klotz des Sisyphos, Achill samt der Schildkröte und Zenons fliegenden Pfeil.

Wir wissen inzwischen, dass eine Linie nicht aus Punkten und dass ein Punkt aus gar nichts besteht.

 

Wohltaten

Freitag, den 23. Oktober 2009

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ab und zu tut es gut
die Schuhe auszuziehen

Eckernlese

Donnerstag, den 22. Oktober 2009

In diesem Jahr Bucheckern sammeln.

Es gab sie noch nie so reichlich.

Man liest sie in Becher oder Wannen und liefert sie dann

vielleicht  in einer Ölmühle ab.

Kuchen werden daraus gebacken, Ölkuchen und andere.

Sie schmecken zart, mehr nach Haselnuss als nach Olive, dann mit leicht bitterem Abgang.

Ihr Enthülsen ist mühsam und schwer.

Es gibt nur alle Jubeljahre ein wirkliches Bucheckernjahr.

Daher stellen Industrie, Handel und Haushalt nichts zur Verfügung in der Art eines Kartoffelmessers oder Nussknackers.

So muss man unbewaffnet an die einzelne Buchecker herangehen, um sie zu öffnen.

Mit einem Fingernagel einen der Falze ritzen, die von der runden Basis her kommen, nach oben zulaufen und sich in der Spitze treffen.

Grundform der Buchecker ist das Dreieck, das sich auf den drei Seiten wiederholt und dieses Gebilde, den Fruchtkern, als dreiseitige Pyramide schier unverwechselbar macht.

 

Es gibt auch Sammler, die sammeln wegen des Aussehens und lassen ungeschält.

Jede Buchecker nähert sich einem Ton, der zwischen Teakholz, Mahagoni und Kastanienbraun schwebt.

 

Manchmal findet ein Sammler beim Lesen im Wald Buchstaben zwischen den Bucheckern. Die Häufigkeit nimmt zu und ab mit Mond, Witterung und Herbststürmen.

Dies sind entzückenden Funde, die man unter Buchen machen kann:

sie zeigen sich auf dem in dieser Jahreszeit schwer zu entziffernden Waldboden, in einem vagen Dämmerlicht. Zwischen stacheligen Fruchthüllen und dazwischen zerstreuten Eckern scheinen sie auf und liegen herum, mit gewissen Pilzen vergleichbar, nur entschieden eindringlicher und vollständige Sätze bildend, bewegende Ausrufe, wogegen Pilze lieber stumm bleiben und über ihren Hexenring selten hinauskommen.

Aber keine Sorge:

auch ihre Zeit kommt irgendwann.img_2760_1.jpg

Obacht

Donnerstag, den 22. Oktober 2009

Der Naturwissenschaft auf die Finger schauen, dass sie das Metaphysische nicht immer wieder ungesehen

dazwischen durchlässt.

 

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Protest

Donnerstag, den 22. Oktober 2009

bild-020.jpgTod ist beschlossene Sache.

Damit kann man sich abfinden.

Aber dass man daran auch noch sterben soll,

das will nicht in den Sinn.

Schallwellen

Mittwoch, den 21. Oktober 2009

unberechenbare Wellen, die der Schall wirft.

Sie formieren sich zu Menschenlauten und nehmen Tiersprachen an.

Vie verdichten sich. Dann

heulen sie wie der Wind und die Winde heulen wie sie und wie Wölfe unterm Mond.

Der Schall wirft es hin und her und dazwischen tanzen und wogen und hüpfen die Wellen,

Wir sind, sagen sie, das Meer, das sich in uns kräuselt.

So sind sie und

so bleiben sie

unberechenbar.

 

Wenn die Schallwellen aus Tierworten und Menschensätzen wieder vorbei sind,

tritt Stille ein,

heftig und ungerührte

Stille von Mensch und Tier.

verschlossener Zugang

Dienstag, den 20. Oktober 2009

und erzwungenes Wegerecht:           img_2751.jpg 

hier ruht

Dienstag, den 20. Oktober 2009

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hier ruhen ungenießbare Reste eines
Frankfurter
Pfannkuchens