Monatsarchiv für Juli 2009
Schwebe
Donnerstag, den 30. Juli 2009erfassen und verfassen
Mittwoch, den 29. Juli 2009![]()
Wirklichkeit – was ist das? Eine Flut von Antworten. Jedenfalls: man sollte sie schmecken, riechen, tasten, fühlen, sehen, hören können. Dieses Sinneszeugnis ist als Ausweis für Wirklichkeit wichtig. Diese Erkundungen erschöpfen sie keineswegs.
Weiteres Charakteristikum: Wirklichkeit wird geschaffen, wird hergestellt. Sie bestimmt sich aus einem Dafürhalten, aus einem Machen, schon richtig, aber aus einem Machen, dass immer von einem Meinen begleitet wird.
Künstlerische Tätigkeit bedient sich des Machens und des Meinens. Aber sie geht dabei noch weiter vor und weiter zurück. Sie rekurriert auf mediale Ressourcen, auf Quellen, die sich aus einer Art Entrückung erschließen, in die bei der Kunstproduktion zurückgegangen wird. Das Schlüsselwort für diesen Rückbezug heißt Rapport. Man könnte auch sagen: künstlerische Subjektivität begibt sich an einen Ort oder in einen Zustand (mental state), in dem oder aus dem heraus eine intensive Form der Wirklichkeitserfassung erfolgt. Dieses Erfassen und auch Verfassen von Wirklichkeit macht das Hauptgeschäft einer künstlerischen Person aus.
wirkliche Einbildungen
Dienstag, den 28. Juli 2009Die Position künstlerischer Subjektivität ist traditionellerweise gekennzeichnet durch eine große Nähe und ein spezifisches Verhältnis zum Reich der Phantasie und zum Einzugsgebiet oder Quellbereich menschlicher Wünsche und Ängste. Phantasie bewegt sich grenzgängerisch zwischen den inneren und äußeren Realitäten und hat einen kräftigen und kräftigenden Bezug zu eben solchen Ängsten und Wünschen, die wie sie selbst mit Bildern, Vorstellungen oder Erfahrungen von Wirklichkeit „irgendwie“ zu tun haben, ohne aber in Wirklichkeit aufzugehen, ohne aber in Wirklichkeit aufgelöst werden zu können. Künstlerische Tätigkeit zielt darauf, diese oft unwirklich, also gespenstisch oder illusionär anmutenden und anwandelnden „Einbildungen“ zu übersetzen, auszudrücken, mitzuteilen, bzw. ihnen eine Gestalt anzupassen, in der sie irgendwie glaubhaft und überzeugend, befreit und gebändigt zugleich auftreten können.![]()
Sichtbares und Unsichtbares
Montag, den 27. Juli 2009Eine der Aufgaben der bildenden Kunst besteht bekanntlich darin, Unsichtbares sichtbar zu machen. Klee und andere haben darauf wiederholt hingewiesen. Allerdings: was das Unsichtbare ist oder sei, wissen wir nicht wirklich. Denn wenn bis dahin nicht Erblicktes im Artefakt zum Vorschein kommt, gibt dieser Vorschein noch keine Auskunft über das Unsichtbare. Ist das, was zuvor war, nun ausgelöscht oder existiert das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren weiter? Existiert es überhaupt oder handelt es sich da um eine Setzung ex post, aus dem Nachhinein?
Nachträgliche Annahmen dieses Typs sind auf anderen Gebieten recht häufig und lebenspraktisch. Sie schaffen in der Zeit eine Ordnung, die ein Reden von Ursprung, Ausgangspunkten usw. überhaupt erst erlaubt.
Es bleibt fraglich, ob irgendein Unsichtbares als möglicher Ursprung, als Basis gelten kann von diesem oder jenem Sichtbaren, das im Kunstwerk hervorkommt. Vielleicht ist das Unsichtbare bloß Fiktion und weit weg davon, Potential oder Ressource zu sein. Es wäre dann in derselben Weise Phantasma oder Projektion, wie die Anschauung, die ein Artefakt zur Erscheinung bringt. Und so, wie das, was in dem einen Betrachter sichtbar wird, stark abweichen kann von dem, was eine andere Person sieht, so kann auch das damit vermutlich einhergehende Unsichtbare zweierlei oder vielerlei sein, indem es hin und her springt, oszilliert, dem Auge, insbesondere dem inneren Auge sich sowohl zeigt wie auch entzieht. Mag sein, das es genau diese doppelte Bewegung ist, die das Ergriffensein, sich Wundern oder auch Erschrecken ausmacht, das durch die großen Bildwerke der Kunst ausgelöst werden kann. Eine Bewegung, die möglicherweise eingebettet ist in dem, was Benjamin Aura genannt hat.
Die Aufgabe bildender Kunst mag demnach darin bestehen, nicht nur Unsichtbares sichtbar zu machen, sondern gleichzeitig auch Sichtbares um Verschwinden zu bringen. Das sind komplementäre und einander bedingende Vorgänge, wie Erinnern und Vergessen auch.
Für die bildende Kunst wäre noch ein weiterer Schritt zu bedenken, der sie an den Rand ihrer eigenen Wirklichkeit führt: das Verschwinden aufzuzeigen, das in und mit der Visualisierung erfolgt. In diese Richtung sind vor allem Minimalisten, Konzeptkünstler und Arte povera
vorgestoßen.
melodram
Sonntag, den 26. Juli 2009zu Besuch in der Vollzugsanstalt
Samstag, den 25. Juli 2009Ein gigantisches Gefängnis, Justizvollzugsanstalt, angefüllt mit fremden Menschen, mit fremden Gesichtern, aus denen man schwer klug wird. Welches sind die gewalttätigen Anteile, deretwegen sie hier ihre Strafe abbüßen? Die friedlichen Züge und die vielleicht gewaltsamen, auf Straftaten hindeutenden, sind ineinander und miteinander verschlungen. Wenn sie in Gruppen zusammensitzen, beginnt der Besucher in den Physiognomien zu raten, in diesen immerfort changierenden mimischen Rätseln.
Niemand weiß, warum sie hier eingesperrt sind. Auch sie selbst wissen es nicht. Sogar Hunde gibt es hier, einer darunter, der dem Besucher beharrlich folgt und die Kiefer in dessen behandschuhter Hand verbeißt. Er ist kaum abzuschütteln.
Wärter streifen durch die Gänge. Sie sind an der Bestimmtheit ihres Gangs und ihres Auftretens zu erkennen. Manche sind ansatzweise uniformiert. Hin und wieder erscheinen auch andere Besucher, deren Hiersein durch unbestimmbare Motive veranlasst ist. In einigen wenigen Fällen steht fest, das sie von mildtätigen Organisationen ausgeschickt worden sind.
Wie die begangenen Taten oder Untaten in den Gesichtern der Eingesperrten versteckt und verrätselt sind, so ist auch dem Besucher von draußen der Grund verborgen, der ihn selbst hereingeführt hat. Als er einmal zufällig an die Pforte gerät, die streng und vielfach bewacht ist, Ausgang und Eingang zugleich, zögert er. Einer der Posten fragt scharf an und will wissen, ob er hinaus oder wieder hinein möchte. Die Frage kommt harsch wie ein Befehl, in Erwartung einer sofortigen Antwort. Nach kurzem Überlegen entscheidet sich der Besucher für einen weiteren Verbleib. Er gelangt an den einzigen Ort, der offen ist zu einer tief darunter entlangführenden Straße. Hier hat sich eine Gruppe von Gefangenen niedergelassen. Der Besucher setzt sich zu ihnen. Er sieht, dass eine Flucht durch die Öffnung unmöglich ist wegen der bewaffneten Abteilungen und Polizeibataillone, die unten übers Gelände verteilt sind. Außerdem: die Luke ist so hoch über der Straße und das angrenzende Gelände so tief, dass niemand einen Sprung hinab heil überstehen würde.
Die Wissbegierde des Besuchers, mit der er in den Zügen der Häftlinge nach ihren Delikten, nach ihren Straftaten forscht, entspringt vielleicht der Unkenntnis dessen, was ihn selbst hierher gebracht haben könnte. Hier sind keine Spiegel aufgehängt. Er kann sich selber nicht sehen. Worauf geht die ihm offenbar zustehende Möglichkeit zurück, diese geschlossene Anstalt auch wieder verlassen zu dürfen? Welche Instanz hat ihm diese Freizügigkeit zugestanden? Könnte es sein, dass sie mit einem längeren Verweilen unter den Eingesperrten erlischt?
kleine Un-arten deutscher Sprache
Freitag, den 24. Juli 2009Irgendjemand hat einmal gesagt, Deutsch sei die einzige Sprache, in der es für Kosten Unkosten heißt.
Richtig. Hier sagt man auch ‚Unkraut’ für ‚Kraut’, ‚Untier’ für ein Tier, das sich wirklich wie ein Tier verhält.
Ganz ähnlich liegen die Dinge beim ‚Unding’: es kommt dem kantischen „Ding an sich“ vielleicht näher als jede andere Sache.
Ein ‚Ungetüm’ ist nicht eigentlich das Gegenteil von einem ‚Getüm’ oder dessen Verneinung, so wenig wie ‚unbillig = teuer ‚. ‚Flat’ und ‚Wirsch’ kommen ohne un- gar nicht aus.
‚Untiefe’ kann im Wasser, im Meer beides, eine seichte Stelle oder einen Abgrund bedeuten.
Einer ‚Unverfrorenheit’ hilft weder Frost noch Tauwetter ab und der ‚Unerschrockene möge auch im Schrecken der sein, der er ist.
Einfluss
Donnerstag, den 23. Juli 2009Oft hört man, der und der Künstler habe den und den beeinflusst.
Das ist vielfach nicht korrekt. Es sollte heißen: der und die hat die und den bestärkt.
Darum geht es in der Kunst: um Ermutigung, Anregung, Anstoß, gewissermaßen um die Erweckung schlummernder Möglichkeiten und latenter Potentiale.
Einfluss suggeriert den Import fremder Ideen, die dann assimiliert, zueigen gemacht werden. So läuft es nicht in der Kunst.
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Akkus und andere Speicher
Mittwoch, den 22. Juli 2009Als Wort ist Speicher ist vom Dachboden herabgekommen,
vom Kornboden, der hoch oben angelegt war, damit die Mäuse nicht hinkommen.
Speicher kommt von spica = Ähre.
Lagerhäuser in Venedig und Augsburg, von Raiffeisen oder im Hamburger Hafen.
Warmwasserspeicher, Nachtstrom seit den Fünfzigerjahren.
Speicher ohne ch erinnert an die gotischen Steinfiguren auf den Dächern der mittelalterlichen Kathedralen, die dort hockten und standen, um herabkommende Regenfluten in großem Bogen in die Tiefe zu spucken.
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Von diesen älteren Speichern kommen die neueren Speicher, Speichergeräte wie Disketten und Chipkarten.
Aus ihnen, bzw. mit ihnen lassen sich Gelder, Bilder, Redewendungen, Formulare, Musikstücke ziehen.
Strom auch, normalerweise fließend, dort ist er vorübergehend gestaut, zieht bei Anwendung in Bögen und kräftigen Impulsen hervor.
Akkus und Speichermedien sind Gleichnisse oder symbolische Verdichtungen
der umgebenden Dinge, Dingwelten, Angelegenheiten und Zeichen.
Ein Wink, ein Seufzer, eine Haarbürste, eine Verrichtung, ein Foto ist Hardware für Software.
Eine Kette, der Rückspiegel im Fahrzeug, der Vorgarten oder das Wort Heimat sind aufladbar. Im aufgeladenen Zustand (Modus) geben sie Energie ab oder Informationen in sehr unterschiedlicher, nahezu beliebig erscheinender Weise.