Monatsarchiv für Februar 2009

Plazenta und Fruchthaut

Sonntag, den 22. Februar 2009

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In manchen Kulturen wird der Schatten eines Lebewesens mit seinem Tod in Verbindung gebracht. Wie eine geplatzte Fruchthaut hängt er seit Geburt Mensch und Tier an.

Er lässt sich nicht abstreifen, verschwindet auch nicht im Dunkeln.

Wenn jemand stirbt, nimmt man ihn als Laken, um den Verstorbenen einzuhüllen, so dass jemand die Große Migration nicht nackt antreten muss.

Wenn diese Person wieder geboren wird, ist es derselbe Schatten, aus dem sie ans Licht und zur Welt kommt. Aber während der ganzen Spanne, die dazwischen liegt und das hiesige Leben ausmacht, bleibt der Schatten wenig benutzt und beachtet.

Nur einmal im Jahr, beim rituellen Feuertanz, lassen sie ihn so aus sich heraus, dass man von einem regelrechten Schattentanz sprechen kann, während Frauen und Männer zusammen- und übereinanderliegen wie brennende Holzscheite.

unter Buschleuten

Samstag, den 21. Februar 2009

Von den Buschmännern haben Reisende seinerzeit wiederholt behauptet, sie könnten ihre Schatten zusammenfalten und ausspannen wie Schirme. Es sind Leute von kleinem Wuchs, aber morgens stolzieren sie am Fußende ihrer langen Schatten und schreiten wie Könige. Tagsüber sind sie vorsichtiger und scheu wie Klippdachse.

Wo über Mittag weder Sträucher noch Buschwerk zu sehen sind, schlüpfen sie in die verwinkelten Trockenrisse, die ein unbarmherziger Himmel wie ein Spinnennetz ausspannt. Das Erdreich, in dem sie dich zusammengedrängt kauern, hat die Farbe frisch geschlachteter Leber. Dann tuscheln sie, falten ihre Schatten behutsam auseinander, als wären es Sternenkleider, und lassen sie von einem zum anderen gehen.

Wenn einer von ihnen in den höchsten Sonnenstand gerufen wird, beeilt er sich zuvor, seinen Schatten auf die Größe eines Taschentuchs zusammenzuknüllen, um ihn dann in der Backentasche zu bergen. Beim Sprechen merkt man kaum etwas davon. Eine Kunstfertigkeit, die die Buschleute in ein eindrucksvolles Verhältnis zu ihrem, an seltsamen Hauchlauten überaus reichen Dialekt gebracht haben.

 

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Beringstraße

Samstag, den 21. Februar 2009

Auf der anderen Seite der Beringstraße und drei oder vier Flugstunden südlich lebten vor einiger Zeit noch Stämme mit unaussprechlichen indianischen Namen. Die jungen Leute sind inzwischen abgewandert. Sie arbeiten auf den Ölfeldern, als Gewindezieher, entwerfen T-Shirts mit aufgemalten Hirschbüffeln, stehen am Tresen, am Rolltisch oder winken Flugkörper in ihre Flugbahnen ein.

Sie haben viel zu tun, und ihre Schatten halten einen dämmernden, schwer zu begreifenden Schlaf. Ihr strenger Geruch macht sie bei Weißen und Europäern unbeliebt. Sie könnten sich waschen oder einreiben, aber das tun sie nicht, aus Pietät und Respekt. Sie hängen an ihren wiegenden, tiefschlafenden Schatten und lassen sie von einer Dunkelheit träumen, die das elektrische und elektronische Wesen auch in ihrer Heimat längst ausgesperrt hat.beringstrase-kl.jpg

von den Schatten der Jakuten

Freitag, den 20. Februar 2009

Bei den Jakuten ist jeder Schatten eine Art Seele für sich. Daher ist es in ihrem Lande den Kindern verboten, mutwillig damit zu spielen.

Deswegen sagen sie auch: wenn ein Schatten zerreißt, wer wird ihn zusammennähen?

Wenn ein unbedacht geführter Stock in ihn ein Loch bohrt, wer könnte es stopfen und das Leck flicken, durch das sich dann der Körper eines Menschen in Windeseile verflüchtigt?

Aber wenn aus dem Himmel der Jakuten die Sonne weggetaucht ist, dann stehlen sich ihre Schatten aus den Leibern der Schlafenden davon. Sie schwimmen, lautlos und dicht wie Plattfische. Die heraufgezogene Nacht ist ihr Ozean.

Tagsüber ernähren sich die Jakuten auch heute noch von Moosbeeren. Sie brocken sie in trangefüllte Terrinen aus Föhrenholz. Dann löffeln sie das ganze im Zeltschatten aus, unter lustvollem Schmatzen und Schnalzen.

 

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zel

Donnerstag, den 19. Februar 2009

Den Anfang macht Zel, ein biblischer Schatten:

Innenhof.

Die Sonne steht genau überm Dachgarten.

Drei Männer lehnen an der ins Bläuliche gehenden Hausfront.

Sie kauen Zwiebeln, säckeweise, spucken seitlich aus und schnitzen.

Was schnitzen sie?

Kleine Leute aus Pinienschirmen und Zypressen, Schweine und Ferkel aus Speckstein.

Ab und zu fliegt ein Span wie eine Fliege ins Licht.

Die Sonne lacht und schrumpft. Aus ihren Runzeln fallen unregelmäßige Vorhänge, Knochenfischschuppen und tintenschwarze Korpuskeln.

Drei Unentwegte kauen, schnitzen, spucken.

Auf den Dächern, wie Glimmerschiefer, ein verhaltener Lunarzellenglanz.

 

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Schatten im Stoff

Mittwoch, den 18. Februar 2009

img_5080.jpgEine bemerkenswerte, wenn auch oft übersehene Eigenart
von Schatten besteht darin, dass sie nur zu einem geringen
Teil von den Dingen und Körpern w e g fallen, sondern
zum weitaus größeren Teil in sie
h i n e i n .

Alle Körper und Massen sind,
entsprechend ihrer stofflichen Dichte,
randvoll mit Schatten gefüllt.
Diese treten in die winzigsten Poren und Risse der Materie und gießen
sie gleichsam aus.
Erst im Bereich der Proto- und Mesozonen, dann im Bereich anderer leuchtender Elementarpartikel schlüpfen sie in diese zurück und bilden den dunklen, den nicht sichtbaren und unauslotbaren Nährboden, aus dem dann Strahlung erfolgt.


Das Problem der Schwarzen Löcher lassen wir hier aus.
Ihre Physik und Mythologie bedarf einer gesonderten Betrachtung.

 

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tingieren

Mittwoch, den 18. Februar 2009

In der Regel bewirkt jede Helligkeit, dass aus dem Körper, auf den sie trifft, ein Schatten hervorgeht.

Durchsichtige Körper haben durchscheinende Schatten, opake Körper werfen tintenfarbene Schatten.

Sie fallen meistens von den beleuchteten Gegenständen weg auf die Rück- oder Kehrseite. Dort liegen sie dünn und flach auf dem Boden und gehen mit einer unglaublichen Anschmiegsamkeit über alle Unebenheiten hinweg.

Wahrscheinlich gibt es nichts, was annähernd so lautlos und gespenstisch verläuft, wie die Ausflucht der Schatten, wenn die ausschickenden Dinge und Körper auf einmal lichterloh dastehen.

 

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Schatten, ein Bruchstück im Wald

Dienstag, den 17. Februar 2009

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Schatten ist ein kleineres oder größeres, ein hingeworfenes Bild.

Daher kommt es zu verwischten Farben, die erst deutlich hervortreten, wenn Schatten in Spiegel fallen. Dort fangen Farben und Töne an, zu glänzen. Im üblichen Schatten fließen sie ineinander, trüben sich und verdunkeln einander.

(Erinnerung an ein verschlossenes, vom Lid verdecktes Auge, das sich erst in Spiegelungen zu Gesicht bekommt).

Dieser Mechanismus regt an, Schatten selbst als Arten von Spiegelungen zu betrachten.

Nun wäre wichtig, jene blanken Flächen und Untergründe zu entdecken, auf denen es sich zeigt oder abbildet.

 

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suburban

Montag, den 16. Februar 2009

freundliche Nachbarschaft am Stadtrand
geeignete Unterstellplätze
Struktur im Aufbau und Anlage klar
lineare Ordnung und keine Probleme
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Träumer denkt

Sonntag, den 15. Februar 2009

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Auf der Grundlage zäh zerfließender Träume,
Magma und Dunst,
wickelt der Sachverstand seine kühlen und hellen Geschäfte ab,
hinausgerückt in den Lichthof jener ruckweise erstarrenden und dann wieder
aufbrausenden Substanzen,
deren Geist uns als Materie
vertraut ist.