Monatsarchiv für Februar 2009

Anaximanders Schattenmaß-stab

Samstag, den 28. Februar 2009

Anaximander, Diogenes’ naturforschender Kollege und Landsmann, bloß einem früheren Jahrhundert angehörend, stellte im Abendland die erste Sonnenuhr auf. Erst ein Stecken, den er in die Erde rammte, dann den Umlauf der Sonne in den Boden gekratzt. Er nannte die Vorrichtung „skiathéras“, „Schattenfänger“.

Warum? Hat er keinen besseren Namen gewusst?
Oder hat er geahnt, dass der aus dem Licht gestohlene Schatten des Zeigers in Wirklichkeit „Zeit“ meint?

 

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Rätsel raten

Freitag, den 27. Februar 2009

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Mit Schatten gehen Maler und Metaphysiker um. Sie malen und besinnen das, was ihnen an Schatten und aus Schatten zufliegt, zugeworfen wird oder zufällt.

Ihre Leinwände, Papiere, Bildschirme und Schriften übernehmen die Funktionen von Gittern und Sieben. So fangen sie ihn ein, jenen flüchtig über Schwellen und Schnittstellen fallenden Glanz.

 

„Aus Schatten wird man klug“, heißt es. Aber wie oft müht man sich umsonst, Gemeintes zu verstehen und bleibt dabei wirr und obskur, blind für das Fallen und Steigen all dessen, das durch Fenster und Augen geht, von irgendeinem Reflex oder vermeintlichen Anschein geblendet.

 

„Es geht übers Wasser und wird doch nicht nass, doch schon ein Blinken bringt’s zum Verschwinden.“

Oder: „Es hat das ganze Haus meiner Mutter ausgefüllt und ich nehme davon in die geschlossene Hand“, verrät ein arabisches Rätsel.

Sowie: „Es ist schwarz wie die Nacht und macht auf dem Boden Sprünge wie ein Wildschwein“.

Die Sinti sagen: „Es fällt und zerbricht nicht, es läuft und läuft nicht weg, sehnt sich nach Sonne und sieht sie doch nie.

Und noch eines: „Eine schwarze Kuh: sie isst nichts, sie trinkt nichts und ernährt doch das ganze Land.“

 

All dieses und das stachelnde Paradox des Schattenwesens selbst findet sich im Straßburger Rätselbuch (um 1500) eingefangen:

„Rat: Etwas ist nichts, und nichts ist etwas; so nun nichts etwas ist, so muss etwas nichts sein.“[1]




[1] zitiert aus „Rat zu, was ist das“ – Rätsel und Scherzfragen aus fünf Jahrhunderten, Hg. Ulrich Bentzien, Rostock 1982, Rätsel Nr. 59. Antwort: “Der Schatte von der Sonnen oder Lichts ist ein Schein eins Dings und doch an ihm selbst nichts.”

Schattenschwund und Schattensuche

Freitag, den 27. Februar 2009

Es entzieht sich unserer Wissenschaft, an welchem Grad nördlicher oder südlicher Breite erstmals aufdämmerte, dass Alles seinen Schatten habe. Später hat man es gerne im übertragenen Sinne genommen und daraus Schatten s e i t e n gemacht. Aber ursprünglich waren es schlichte Schatten, kurze und hinkende, lang übers Gras fallende, lange und dünne, stille und flatternde. Daraus haben wir dann die verschiedenen Schattenseiten der möglichen und unmöglichsten Dinge gemacht, den Menschen eingeschlossen.

Da ging es in der popularistischen Philosophie, auch in der eines Diogenes, doch noch wesentlicher und naturnäher zu. Ein Schatten galt als unverzichtbare Kostbarkeit, hervorragend zum Benetzen der nackten, durch die Sonne stapfenden Beine und Füße. Jeder menschliche Schatten eine ganz persönliche Mitgift. Irgendwann allerdings fallen die Haare aus, die Zähne verlieren sich, immer weniger Schatten, bis schließlich das Fleisch von den Knochen fällt und der Mensch diese Gabe, ja Blüte seines Leibes verliert und unter der Erde lange umherirren muss, bis er ihn da oder dort wieder findet, oder einen passenden Ersatz.

Daher die Rede vom Schattenreich, das keiner kennt, weil es zwar überall ausgedehnt, aber nirgends abgesteckt ist.

Übrigens gibt es kein Mittel, einen dahinschwindenden oder erblassenden Schatten zu halten. Er ist wie Wasser, das man in einen Kieshaufen gießt. Im Nu ist es weg, in unzähligen Räumen versickert. Wer seiner dunkelglänzenden Spur nachfährt, kommt zwischen den Kieseln nicht weit.

 

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Diogenes’ Schatten

Donnerstag, den 26. Februar 2009

Von Diogenes, dem Philosophen, der in einem leeren Fass gehaust haben soll, stammt ein durchs viele Zitieren gründlich verkehrter Spruch. Eines Tages von Alexander, dem großen Eroberer der Welt, besucht und befragt nach seinem größten Wunsch, soll er diesem geantwortet haben: „Geh mir aus der Sonne“. Wo doch Diogenes, an eben diesem Tage mitten im griechischen Hochsommer, nichts anderes gesagt haben kann als „Geh aus meinem Schatten!“, als der große, in voller Rüstung befindliche und ins Schwitzen geratene Herr Anstalten machte, aus der glühenden Sonne des Mittags, nirgends ein Baum oder Strauch, der Abkühlung halber sich ins beengte, aber schattige Fass des Philosophen zu zwängen.

„Geh aus meinem Schatten“, das ist keine hintersinnig erdachte Sentenz, sondern der Notschrei eines nur dürftig bekleideten Mannes, den der, in seinem glühenden und riesenhaften Goldpanzer steckende Herrscher beim Versuch des Hineinkriechens um ein Haar erdrückt und verschmort hätte.

Josef ibn Daud

Donnerstag, den 26. Februar 2009

hat Bezalels Schattentheorie (s.u., Anm. Admin) ein halbes Jahrhundert später wieder aufgenommen und in einigen Punkten erweitert. Er hat sich lange und intensiv mit dem Phänomen beschäftigt, dass ein Schatten wachsen oder schrumpfen kann, ohne dass bei dem daran hängenden Körper die geringste Veränderung im Hinblick auf Masse, Gewicht und Volumen festzustellen wäre. Daraus erkennt er, dass die Veränderung eine virtuelle ist. Sie geschieht, sagt er, in der unsinnlichen Proportion beider zueinander. „Erkenne“, schreibt er, „dass dies weder im Stoff noch im Raum geschieht, sondern allein in der  Z e i t , alldieweil diese der eigentliche Schatten des Lichts ist, in das ein Schatten hinaustritt wie ein lebendgebärdendes Wesen, um in dasselbe sein Geschöpf zu werfen wie ein Junges.“
Weiter heißt es dann: „An einem Körper, der in seine Grube zurückkehrt, in abgedunkelte Nacht, nimmst du seine Unendlichkeit wahr. Es ist die Unendlichkeit seines Schattens, im Licht immer nur flüchtig begrenzt, die nun auf ihn zurückfällt.“ Gleichsam zur Illustration fügt er dann noch hinzu: „Man merke dieses am Mond, dem der Schatten hinzufügt und wegnimmt und so auch dem Leben der Erde wegnimmt und zufügt. Es ist  e i n  Schatten und  e i n e  Dunkelheit, die das nicht Sichtbare und die daraus entworfenen Geschöpfe und Dinge verknüpft.“

 

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Ruben Bezalel

Donnerstag, den 26. Februar 2009

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ein Zeitgenosse Benadads, ging von der Beobachtung aus, dass jedem ins Helle tretenden Schatten irgendeine Art Körperlichkeit zugeordnet ist.

Es gibt, stellt er fest, keine Mücke, keine Mikrobe, kein Staubkorn ohne einen jeweils vorgängigen Schatten.

Alle Schatten, behauptet er, entlassen aus sich ein ihnen zugehöriges – zumindest vom Ursprung her zugehöriges Wesen – belebter oder unbelebter Natur.

Auch der Mensch.

Es gibt mikroskopische Schatten, die ihr „Erzeugnis“ über die Schwelle der Sichtbarkeit so weit hinauswerfen, dass dieses vor unseren Augen groß wie ein Baum und größer als ein Luft- oder Raumschiff erscheint.

Aber Bezalel hat auch die Existenz minimaler Schattenpunkte erwogen, die ihr körperliches Äquivalent in Raumdimensionen werfen, die sogar dem Inneren Augenblick (das ist nach Bezalel eine Zeit-Einheit mit praktisch unendlichem Horizont) kaum fassbar, geschweige denn zugänglich sind.

 Hierzu erklärt er: „Meine Nachforschungen und Berechnungen, über die ich hier keine Rechenschaft ablegen will, haben ergeben, dass solch ein  a u f  oder j e n s e i t s  der ‚Schwelle’ gelegener Schattenpunkt in beiderlei Richtung hin einen kleineren oder größeren  Organismus oder sogar Leib projizieren kann. Es gibt Schattenpunkte, die im Verhältnis zu ihrem, ins Reich des Verschwindens fallenden Entwurf, so winzig sein können wie der Kern eines Blitzes im Verhältnis zu dem daraus hervorzuckenden Licht. Andere, die zu uns kommen, sind im Vergleich wie ein Granatapfel und wie die gerade untergehende Sonne, in deren Licht man ihn hält.“

Israel Benadad

Mittwoch, den 25. Februar 2009

hat an der Erscheinung des Schattens nachzuweisen versucht, dass auch das Licht als eine Art Schatten aufzufassen sei. Es stehe zu seinem Ursprung, meint er, in einem ähnlichen Verhältnis wie der hingeworfene Schatten zu seiner Lichtquelle.

Wenn nun das Licht selbst eine Art Schattenwurf ist, so folgt daraus, dass all die Phänomene, die wir als Schatten begreifen, im Grunde genommen Lichtnatur haben. Sie machen aus dem Licht, das sie entstehen lässt, etwas sichtbar, was in diesem selbst noch keine irgendwie nachweisbare Existenz hat. Sie machen es stufenweise sichtbar, und zwar so, dass ein Beobachter, auf der äußersten dieser Emanationsstufen angelangt, im extremsten Abschattungsbereich stehend, zum Zeuge eines zu seiner vollständigen Entfaltung gelangten Lichts werden könnte.

Benadad kennzeichnet diesen zunächst imaginären und visionären Ort höchster Visualität mit dem hebräischen Ausdruck „choschek“, „Finsternis“.

Der Schöpfungsbericht der Genesis erläutert „choschek“ als „Finsternis auf dem Antlitz des Abgrunds.“ Darunter sei, meint Benadad, zugleich jenes „Licht“ zu verstehen, von dem es in einem Psalm heißt: „In Deinem Licht sehen wir das Licht“, also das Gelingen des Blicks in den Abgrund.

 

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trügerische Erwartung

Dienstag, den 24. Februar 2009

img_5094.jpgimg_5090.jpg        die immer wieder sich einstellende Hoffnung der Fotografen, die bei einem Anblick aufkommenden warmen oder eisigen Gefühle ins Bild bannen -
oder zumindest an dieses knüpfen  
zu können.

Melangoma

Montag, den 23. Februar 2009

Melangoma heißt ein kleiner, ansonsten unbedeutender Ort irgendwo auf dem Globus. Dort unterzieht man sich auch heute noch der Mühe, beinah stündlich den Schatten der Erde zu messen. Das war schon zu Zeiten der alten Griechen ein unsinnig erscheinendes und wenig einträgliches Geschäft, das man am liebsten den Narren auftrug und den Philosophen überließ.

Es gibt keine genauen Nachrichten darüber, wie man in Melangoma in dieser Sache verfährt.

Anaxímenes aber oder Anaximander – die beiden sind schwer auseinander zu halten -, pflegten mit Stöcken ins Flachland hinauszugehen, nach Mesopotamien oder ins Schwemmland des Nils, um dort draußen die Länge des Sonnenschattens abzunehmen.

Beide hatten ein Faible für Schatten und konstruierten daraus die erste abendländische Sonnenuhr.

Einer von beiden machte sich mit Knotenschnüren am Schatten der großen Pyramide zu schaffen.

Ungefähr im gleichen Zeitraum entwickelte Demokrit, der Atomforscher, seine Perspektiventheorie und Lehre vom subjektiven Beobachterstandpunkt.

„Umbrarum rationem invenit“, heißt es in einer späteren Würdigung dieser Forschungsarbeiten. In der Tat haben sie damals die Vernunft oder Ratio der Schatten erkundet, und das in einem Kosmos, in dem schon ziemlich vieles zufällig und baufällig schien. Eine abgerüstete Bühne – Demokrit hat es in melancholische Worte gesetzt: „ho kósmos skené, ho bíos párodos“, der Kosmos eine Rampenlichtszene, das Leben ein flüchtiger Auftritt im Chor.

Falls es Sie interessiert, was inzwischen aus der Erdschattenforschung der Leute in Melangoma geworden ist und in welcher Etappe sie sind: sie sind, dem Vernehmen nach, schon weit hinter das Sternbild Arkturos gelangt. Wir finden uns dort, melden sie, in der Spitze des irdischen Schlagschattens wieder.

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ombre

Sonntag, den 22. Februar 2009

im Französischen lautet es ombre, ein Wort wie ein Faltplan und dunkel wie im Innern einer Ziehharmonika.

Unter eine Bogenlampe gebracht oder aufs Leuchtpult gebreitet bekommt es den matten Glanz, der sich auf einer Wanne voll Altöl zeigen könnte.

Tritt schnell herzu und spann einen Schirm drüber aus, ombrella, das wahrt den Schimmer, dann währt es ein winziges Weilchen …

 

ombre heißt es spanisch für Mensch, bloß mit einem ungesprochenen h davor.

Umbra vitae umfasst alles Schattenhafte in Leben, gewöhnlichen Leben, das es für gewöhnlich
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