Monatsarchiv für Juli 2008

in a grapeyard

Montag, den 21. Juli 2008

img_4616.JPGOnce lost in a yard, amidst grapes – what do you find there?
You surely find others within
other grapes other yards
other Yous. 

Once fallen and driven back
down by heavy streams
that flow through all backyards and grapeyards
symphonical waters
pouring hither and thither
birds gathering feathers from giant
huge trees
that stand in a yard
that grow in this garden.

Madonna mit behindertem Kind

Sonntag, den 20. Juli 2008

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Exkurs über “Pflicht”

Samstag, den 19. Juli 2008

„Pflicht“ kommt wahrscheinlich von „flechten“, nur dass das P im Laufe der Zeit weggefallen ist. Bei der Pflicht ist es pflichtbewusst geblieben

Wer verpflichtet ist, etwas zu tun, ist darin verstrickt, verflochten, manchmal kunstvoll subtil, manchmal grob und verschnürt.

Heftige Pflichten können durch Abschnürung zu Lähmungen, zu Erstarrungszuständen und Erstickungen führen. Diese Fesselung der Gliedmaßen und Abbindung der inneren gedanklichen und traumartigen Tätigkeiten unterbindet freien Austausch und natürliche Beweglichkeit, wie sie sonst – und  natürlicherweise – in Fleisch und Blut stattfinden. Bei einer dauerhaft verschnürten und stark gefesselten Person kommt es zu Schwellungen, zu Staus und bleibenden Auswüchsen. Diese Störungen verschwinden auch dann nicht restlos, wenn das Pflechtwerk abgestreift wird.

Die mit dem Verflochtensein einhergehende Einstellung wird Pflichtgefühl genannt. Sie ist kein eigentliches Gefühl, sondern tatsächlich eher eine Haltung. Bedeutende Persönlichkeiten deutscher Sprache und Kultur haben sie gerühmt und zu ihr gehalten. Bismarck leitete das „Pflichtgefühl des Menschen, der sich einsam im Dunkel auf Posten totschießen lässt, … von dem Rest von Glauben“ her, „davon, dass ich weiß, dass jemand da ist, der mich auch dann sieht, wenn der Leutnant mich nicht sieht.“

Auch Goethe soll es trotz seines genussfrohen Naturells mit der Pflichterfüllung immer sehr streng genommen haben. Als ihn im hohen Alter durch den Tod seines einzigen Sohnes der schwerste Schlag traf, schrieb er an seinen Freund Zelter (am 21. November 1830): „Hier kann allein der große Gedanke der Pflicht uns aufrecht erhalten“.

Man hört, es sei vor allem das Verdienst des großen Philosophen Kant, durch seinen „kategorischen Imperativ“ das Pflichtbewusstsein der Deutschen gestärkt und geschärft zu haben, das sich besonders im einst sprichwörtlichen Pflichteifer des deutschen Militärs und Beamtentums auswirkte. „Mein höchster Gott ist meine Pflicht“, konnte der Preußenkönig Friedrich d. Gr. noch sagen. Er soll auch das Wort von der „verfluchten Pflicht und Schuldigkeit“ geprägt haben.

Außer von „flechten“ kommt Pflicht auch von „pflegen“. Vor über tausend Jahren hatte „pliht“ im Deutschen neben „Aufgabe, Gebot“ die Bedeutung von „Fürsorge, Teilnahme, Gemeinschaft, Sitte“, während es auch damals schon – oder bald danach – den sonderbaren Nebensinn von „Gefahr, Risiko“ annahm.[1] Den hat es bis heute behalten.




[1] Pfeifer, Wolfgang, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin: Akademie-Verlag 1989, 1263

Sterntalers Warte

Samstag, den 19. Juli 2008

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Beim Waldspaziergang  mitten im Wald auf Sterntalers Warte gestoßen. Ein Kind kennt sie. Sonst niemand. Da sind wir auf einander gestoßen. Es hat blaue Flecken im Himmel gegeben. Könnte man nachgrübeln, man würde bald finden, dass die Milchstraßen erfundene sind. Kittel und Schürzen haben dort noch niemals geholfen, Regenschirme trägt man umsonst durch Wetter und Wind. Überall Sternzeichen, fliegende Kakerlaken und Schnuppen. Die Schnuppen regnen wie Silberlinge herab.Die Kakerlaken erinnern an Schmetterlinge. Den Sternzeichen haftet Heraldisches an. Sie schreiten wie Wappenwesen durch offenen Himmel. Ihre Strahlen rennen durchs Sternwartendach. Das ist ein mächtiger Spiegel, eine kreisrund geschliffene Linse. Zur Erkennung trägt man dort spitzen Hut, ragend, schwarz und zum Schutz. Eigentlich ist er zu groß. Man verschwindet wie Kaninchen darunter – schlicht  Zauberei. Dort, wo auf der Rückseite die Naht läuft, sind Glöckchen genäht. Eine konisch zulaufende Kappe – sie könnte aus Filz sein, Innenfutter gehämmertes Blech. Man sieht dort drinnen den Löwen, von einer Hypotenuse am Halsband geführt. 

Wir sind hier nicht auf dem Mars, nicht auf dem Palomarberg.
Aber dieser planetarische Ausblick, eine Mischung aus gebaucht und gedellt, abgeplattet erhoben, steht im Übergang zum eigentlichen Firmament, auf dessen Rundungen die Sterne wie Funken dahinfliegen. Hier weiden die Herden unbekannter idyllischer Gottheiten. Ihre Namen sind rätselhaft, ihr Übergang völlig unmerklich.

zwischen Worten umhergehen

Freitag, den 18. Juli 2008

Gerade gibt es reichlich und ungerade spärlich Platz dazwischen. Der Raum beklommen und zugig, je nachdem. Er weitet sich mit der Bewegung der Worte. Sie bewegen sich, wie in einem Laubwald, wie mitten im Sommer. Man versteht auf einmal, warum das Alphabet aus den Bäumen kommt. Man beginnt es zu ahnen, dieses Verstehen der Bäume aus dem Alphabet. 
Vielleicht sind Dinge und der Platz, den sie um sich haben, kompakter als Worte. Aber das hier genügt für Spaziergänge. Vor Ort ergeht sich leeres und mageres Schweigen und leistet Gesellschaft. Eine Art permanenter Hauch oder Luftzug, der zwischen den kompakten Dingen weht, an den Tüchern reißt, die sie bedecken, sie mitunter auskippt oder einfach nur durchgeht.
Hier gibt es Aschenbecher, Urnen und Eimer. 
Aber auch Säle, Kammern, sogar Kirchen kippen manchmal.
Teilweise sind die aus Holz, gelegentlich geschliffen auf Kunststoff und Glas.
Alles ersteht mit beachtlicher Präzision und erheblichen Abmessungen.
Dann brechen sich darin die Richtungen und Himmelsgegenden, in dieser weltweiten Halde aus diversen Materien.

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ansprechen, anschreiben

Donnerstag, den 17. Juli 2008

img_0550.jpgWie Sprechen, so geschieht auch alles Schreiben, gerade auch das freie Schreiben, auf andere hin. Wären die Anzusprechenden nicht manchmal abwesend, weit weg oder noch gar nicht geboren – es wäre nie zur Entstehung von Schreiben aus dem Sprechen gekommen. Es wäre beim Sprechen oder beim Schweigen geblieben. Aber dann ist das Schreiben aufgetreten, wie das Sinnen aus einer Triebhemmung, aus einem Innehalten. Begreifende und Schreibende stimmen darin überein, dass sie innehalten und eine aufschiebende Verrichtung vornehmen. Um zu schreiben, muss man das Sprechen verlangsamen oder verlassen. Das Schreiben kommt sonst nicht nach und wird von Worten und Lauten verwirrt und abgelenkt, statt sie zu fassen. Es ist ein Begreifen, an dem Hände und Finger beteiligt sind, auch heute noch. Schreibakte beinhalten Aufschub, Verzug, ein hinaus-Zögern. Manchmal gerät das, was ein Autor im Schreiben aufschiebt und gleichsam ins Kommende auslagert, erst viel späteren Lesern in den Blick. Heute wird es geschrieben und kommt womöglich erst in fünfzehn Minuten oder einhundertvierunddreißig Jahren in den Sinn.

Texte aus dem täglichen Abgrund *

Mittwoch, den 16. Juli 2008

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Wenn der Abgrund täglich ist, warum dann noch Texte daraus?

Wir sind eine Gruppe von Leuten, die sich die Erkundung dieses Abgrunds zur Aufgabe gemacht hat. Ohne kugel- oder strahlensichere Weste, mit keinem anderen Bergungsgerät als der Sprache. Der Abgrund lockt und schockt an allen Ecken und Enden. Wir gehen ihm in den Dingen nach, die sicheren Tritt vortäuschen, in den Apparaten und Netzwerken, die Halt und Zusammenhalt behaupten, Beförderung und Austausch bedienen. Systeme brechen auseinander, Minoritäten streiten sich um Majoritätsprivilegien, Tagesereignisse weiten sich aus und schrumpfen wieder zusammen. Noch immer wird kein Pfand für Einwegnachrichten und andere sinnlose Verpackungen erhoben. Wir plädieren für Texte, die man samt Folie und Gräten essen kann, auch im Stehen, wenn es sein muss. Wir sind für mehr Feierlichkeit bei der Beisetzung unserer kleinen menschlichen Tragödien, für die Wiedereinführung von Grabgesängen und Wiegenliedern, auch und gerade in und über dem Abgrund.
Unsere Fragen: ist Asyl Heimat? ist Computer Kunst? ist Meditation Technik? ist Arbeitslosigkeit Arbeit?
Wir stellen diese Fragen nicht selber. Aber von dem, was wir daraus erfahren und hören, schreiben wir.

*) Proklamation der Gruppe KAAN (Künstler/Autoren/Akteure/Niedersachsen), ca. 1992

achterbahn

Dienstag, den 15. Juli 2008

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Merksätze, pythagoreisch

Montag, den 14. Juli 2008

img_0548.jpgDie Kerze vom Tisch nehmen, so lange sie brennt.

Die Kirche im Dorf lassen, wo sie ein Mann nicht wegkriegt.

Niemals Perlen den Säuen vorwerfen, Kartoffeln machen friedlich und sättigen besser.

Cyanidbalsam ist von allen Brotaufstrichen wirklich das letzte.

Auch elektronische Webstühle träumen von fliegenden Teppichen

In geschlossenen Räumen keine Platzangst entwickeln – es ist dort zu eng.

Schwindel gehört in die Höhe,

holt in die Tiefe,

in der Mitte wird aufrecht gegangen.

Erscheinung

Sonntag, den 13. Juli 2008

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