Monatsarchiv für Juli 2008

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Donnerstag, den 31. Juli 2008

 

Gletscher und Glas sind Flüssigkeiten, zäh und spröde zugleich.

Murmeltiers Abendlied

marmelka ble ble
mirmelaka bla bla
schiri schriri
marmelaka bla bla 


hier oben

hier oben überhalb der Dünung der Seen

von Thun und von Strietz

weit oberhalb von Interlaken gelegen

mit ihren Seglern aus Holz und Papier

von sachten Brisen übers Wasser getrieben

ziehen Wolken wie Boote kieloben

schmettert das Alphorn sein Lied

Schwindel und Angst

Mittwoch, den 30. Juli 2008

Anscheinend gibt es unterschiedliche Formen von Schwindel: Drehschwindel, Höhenschwindel, eine Art Altersschwindel, induzierten Schwindel durch Medikamente, Koffein,  Alkohol, Drogen. Alle diese Schwindelerscheinungen gehen einher mit einer erheblichen Beunruhigung, Beängstigung, Ängstlichkeit, ohne dass sich deutlich bestimmen ließe, ob Angst durch den Schwindel ausgelöst wird oder ob diese den Schwindelzuständen vorausliegt. 

Vor Jahrzehnten, in den Anfängen des Flugtourismus, kam es fast regelmäßig vor, dass Steward und Stewardess Flugpassagieren Tüten mit Erbrochenem abnehmen mussten.

Die so genannte See- oder Reisekrankheit scheint inzwischen so gut wie ausgestorben zu sein.

Desorientierung, Gleichgewichtsstörungen treten ebenfalls mit Schwindel zusammen auf, gelegentlich in ursächlichem Zusammenhang, gelegentlich als Begleit- oder Folgeerscheinungen.

Hier in den Bergen, beim Wandern im Fels, ist Höhenschwindel anfänglich eine nahezu unausbleibliche Erscheinung. Kehrt wieder beim Anblick senkrecht aufsteigender Wände und schroff abfallender Felsmassen. Verstärkt in unbekanntem Gelände oder dort im Irgendwo, wenn der Weg verloren gegangen ist. Dann kann schon eine kleine Felsstufe starke Schwindelgefühle auslösen, Fallängste, ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend, im Unterleib, manchmal mit nachfolgender Diarrhö.

Diese Symptome werden bei längerem Bergaufenthalt schwächer und schwächer.

 stimmen Stimmen?

Es wimmelt hier von Stimmen.

Sie kommen von drinnen, sie kommen von draußen oder von sonst wo her.

Was suchen sie hier?

Was haben sie hier verloren?

Eine berechtigte Doppelfrage, zwischen Steilhängen und teils undurchdringlichen Orten, teils unzugänglichem Gelände.

Wir haben den Weg auf der Karte verloren.

Wir haben uns verirrt.

Deswegen womöglich die Stimmen.

Sie stimmen ab, wie und wo es weitergehen soll,

erst die eine, dann die andre, dann alle zusammen.

Ab und an stimmen sie und machen neugierig, wie es weitergehen soll.

Wir enthalten uns und schweigen.

Ein sonderbares Verfahren,

bleibt absolut begreifelhaft.

Obwohl wir natürlich wissen, aus der Theorie, dass es genau darauf ankommt:

auf Ausgleich, auf Abstimmung und Stimmigkeit, die man richtig oder auch
Gerechtigkeit nennt.

fallendes Wasser

Dienstag, den 29. Juli 2008

 

Beim Betrachten eines Berggipfels plötzlich erkennen, dass man auf Kopf steht. Der Berg steht, wie sich’s gehört, aber der Betrachter hat seine Füße im Himmel.

     I tried to steal a roasted steak.
     I tried to hide the roasted stolen steak in Mr. Hyde’s mouth.
     Mr. Jekyll arrived and swallowed it.

Wasser fällt in großen Wassermassen talwärts.

Lässt alles hinter sich, woraus es hervorstürzt: den Alpenhimmel, die Firne und Gletscher,

all die unsichtbaren Klüfte und Schleusen, die außer den Gestirnen niemand bedient.

Dann schießt es durchs Tal, auf breiten Sohlen, immer stiller geworden.
Zwei oder drei Pfeiler aus Beton tragen eine Brücke darüber hinweg.
Übers Brückengeländer gebeugt ist ein kleiner Junge zu sehen, der an langem Faden ein Holzstück in die Strömung hinabhält.

Rauschen

Montag, den 28. Juli 2008

Wovon reden Sie, wenn Sie über Felswände, Bergdohlen und Arnika reden?

Welchen Sinn hat es, von Felswänden, Bergdohlen und Arnika zu sprechen, wenn diese darin nicht mitreden? Dichtung – was sonst? – gibt den Dingen und Geschöpfen ein Mitspracherecht. Das geschieht nicht von allein, sondern immer in Gesellschaft, im Beisein unsichtbarer Ortsgeister und Bergwesen. Es geschieht anscheinend von langer Hand und nie unvorbereitet.

Manchmal, wenn niemand außer einem selbst mitredet, bedeutet das, hier gibt es nichts zu sagen. Man muss sich in Geduld und in Schweigen fassen, bis etwas erwacht oder zu Bewusstsein kommt. Darüber können Tage, können Menschenleben verstreichen.

 

Beim Gehen durchs Gebirge, beim Wandern durch einen stürmischen Bergwald fragt man sich, wer oder was rauscht hier? Sind es die Bäume, ist es der Wind? Sind es Bäche, irgendwo in der Tiefe versteckt?

Und wenn es der Wald ist, wie viel oder wie wenig trägt der Wind dazu bei?

Und wenn es das Wasser ist, was sagen die Felswände, die Brocken im Bachbett, was sagen die Kiesel dazu?

In der Höhe, die weit über den Wandrer hinausgeht, sind es die Nadeln, das Geäst und die Blätter, deren Rauschen man hört oder ist es bloß der Wind, der in Wirbeln und Quirlen im Luftraum so sonderbare Töne erzeugt?

Wasser, das in Wasser herabstürzt, rauscht von alleine.

Aber der Wind, möchte man meinen, braucht Ohren, an denen er zerrt, Hörgänge, in denen er wirbelt und tost.

Bergwelt

Sonntag, den 27. Juli 2008

In der so genannten Bergwelt trägt das Rauschen des Windes das Rauschen ferner herabstürzender Wasser zu und im Rauschen der Wasser wiederum hört man den Wind sausen.

Das Wilde und das Zahme passen oft nicht gut zu einander. Deswegen gehen sie immer wieder neu aus einander hervor und verschlingen sich wieder, jedes auf seine spezifisch Weise.

Menschenleere – eine Kostbarkeit oder ein Schrecken.

Menschenleere in Städten und Ortschaften erfüllt mit Unbehagen oder Entsetzen,

menschenleere Landschaften sind Wohltaten und erfüllen mit feierlichen Gefühlen.

Wieder gegenüber der schieferfarbenen Senkrechten.

Eine Fläche, über Plattengiebel und Blechdächer aufsteigend.

Dazwischen tauchen auf und verschwinden Bergdohlen.

Schwarzgefiedert, aber eher an Stare als an Dohlen erinnernd.

Hier im Ort sind sie dreist und den Einheimischen so lästig wie anderswo die Tauben, die es hier nicht gibt, wahrscheinlich wegen der Höhe, wegen der dünnen Luft, wegen der Kälte im Winter.

Bergdohlen gibt es hier im Ort über den Dächern und in menschenscheuer Variante, die sich aber der gleichen Laute und Vogelsprache bedient, weiter oben im zerklüfteten Fels.

In die Tiefe des Anblicks der Felswand versunken sinnen, nachdenken, aufschreiben.

Die Gedanken fliegen davon wie Bergdohlen, mit einem schrillen, in den Ohren nachhallenden Schreien.

Es ist gegen Abend, alles in ein helles nebliges Licht getaucht, schwacher Regen.

Die schwarzen Vögel sind unruhig und zetern. Die Gedanken machen es ihnen nach. Nur der schwarze Mönch, mit der Rechten auf den Büffel gestützt, bewahrt Haltung.

gegen 17 Uhr

Samstag, den 26. Juli 2008

Gegen 17 Uhr Rückkehr auf den Fensterplatz gegenüber der vertikalen Steinwand. Überall im Ort gibt es diese Fensterplätze, Logenplätze ersten Rangs. Manchmal ansatzweise verstellt durch den Nachbargiebel oder einen der hellen Laub- oder Nadelbäume, die hier unmotiviert wachsen zwischen Häusern aus Holz, Stein und Plastik. Manchmal ist es auch eine Fahnenstange, an der sich ein rotweißes Tuch bewegt mit einem schwarzen Steinbockkopf.

Die Ortschaft ist autofrei. Trotzdem kurven gelegentlich Kleinlastwagen und Traktoren durch die schmalen Sträßchen und Gassen, unter beträchtlicher Lärmentwicklung, denn es geht hier immer wieder steil bergauf und bergab und die zu befördernden Lasten sind schwer, sofern es sich nicht um frisch gemähtes Heu handelt.

Der Platz vis-à-vis der Felswand ist gesichert. Von hier aus gibt es auch noch das wuchtige Jungfraumassiv zu sehen, die nach Westen anschließenden Schneeberge, zu denen das Gespaltenhorn zählt. Aus den Höhen wälzen sich Gletscher herab, eine aussterbende Spezies auch in dieser hochalpinen Region. Wahrscheinlich ziehen diese gigantischen Panoramen mehr Blicke auf sich als die vielleicht auch irgendwie alltägliche Wand des Schwarzen Mönchs mit ihren schwindelerregenden Steinbändern, Zerklüftungen und handbreiten Simsen, auf denen eine unbekannte Vegetation sich festgekrallt hat.

Wie von allen lotrecht herabstürzenden Gebirgswänden geben selbst die genauesten Karten, die es hier gibt, im Maßstab 1:25 000 ist das, von diesem Naturphänomen keinerlei Bild oder Eindruck. Fünf, zehn oder zwanzig Höhenlinien verschwinden in einer einzigen. Und im nordöstlichen Bereich, wo der Schwarze Mönch durch die Trümmelbachschlucht begrenzt wird, erscheint die sonderbare Benennung Mönchsbüffel. Oder hieß das Büffelmönch?

Die Entstehung von Flurbezeichnungen und geographischer Namen gehört zu den rätselhaftesten Erscheinungen überhaupt. Warum so und nicht anders? Wie kommt es, dass eine Bezeichnung erfunden, aufgenommen und dann durch die Jahrhunderte tradiert wird? Dass Mürren so heißt, weil es wie auf einer Mauer liegt, leuchtet noch ein. Aber dass eine graue Gesteinsmasse mit einem schwarzen Mönch in Zusammenhang gebracht wird – wer kann da noch durchblicken?

Während die Gedanken diese sprachtheoretischen und ausdruckslogischen Gänge einschlagen,  ist durch die Neigung des Tageslichts die Wand ein wenig ergraut. Grau ist sie immer, aber das jetzige Grau, für das sich kein spezifischer Name finden lässt, ist irgendwie grauer als zuvor. Auch die grünen Flecken scheinen davon überzogen. Die holzigen Gewächse in der Wand erscheinen graugrün, die Grasmattenfragmente haben den verhaltenen Glanz grüner Oliven.

ein Abend

Freitag, den 25. Juli 2008

Ein Abend ohne Web und ohne Net geht an die Felswand verloren.

Gerne wüsste man, wie dieser Anblick vor hundert Jahren ankam, als die ersten großen Alpinhotels zur Blüte kamen.
Oder wie sah man das vor zweihundert Jahren, als noch keiner der Gipfel, die über diese Mauer hinausragen, von einem menschlichen Fuß und Wesen betreten waren?

die Wand

Donnerstag, den 24. Juli 2008

Die Wand heißt Schwarzer Mönch, obgleich ein naturalistisch gestimmtes Gemüt diesen Bergteil niemals in Schwarz erleben wird. Violett vielleicht oder blau bei sternklarem Himmel oder wie Zinn, Aluminium oder Stanniol mitten im Winter.

Der Schwarze Mönch bildet den unteren Absatz der Jungfrau. Er entspricht dem Schienbeinbereich, wenn die Jungfrau thronend vorgestellt wird.

Bei unruhiger Witterung fliegen Wolkenschatten in der steinernen Senkrechen dahin. Sie bilden sich auf dem steil herabstürzenden Gestein nur flüchtig ab. Es verdunkelt sich, als würde Wasser darüber ausgegossen. Sobald die Wolken näher an den Absturz herankommen, geraten sie zu Schlieren und Wirbeln. Sie verfangen sich in den ebenso spärlichen wie dreisten Latschenkieferhainen, die es bis in diesen Fels geschafft haben, jedenfalls für den Augenblick.

gegenüber

Mittwoch, den 23. Juli 2008

Abends sitzt man hier ohne Net und ohne Web vor einer steilen Wand in sämtlichen Grau- und Ockertönen. An manchen Stellen überwiegt Ocker, an anderen ein Grau, das ins Rosa flüchtet oder spielt. Spärliche Gräser versammeln sich zu abgebrochenen Matten, auch für Gämsen unzugänglich, die hier nächtlich durch die Wand steigen.

im Gebirge

Dienstag, den 22. Juli 2008

Der Ort liegt auf einer Bergterrasse nach Südosten.

Den stärksten Eindruck macht die gegenüberliegende Felswand.

Sie fällt aus großer Höhe nahezu senkrecht in die Tiefe.

Vielleicht tausend Meter im freien Fall.

Sie heißt Schwarzer Mönch und gehört dazu.

Nach Sonnentergang ist sie aschfahl.

Diese gigantische Felswand entwickelt gegen Abend einen Widerschein, der den ganzen Ort bis in die hintersten Räume und Kammern erfüllt.

Sie steigt aus großer Tiefe hervor und verliert sich bei Wolkengang in ebensolcher

Höhe.