Monatsarchiv für Dezember 2007
Olimpias Nichte
Donnerstag, den 20. Dezember 2007Ungleiche Wünsche
Mittwoch, den 19. Dezember 2007Schlafwunsch und der Erkenntniswunsch sind gleich alt.
Sie begegnen und ergänzen einander.
Sie sind die Seiten derselben Münze, die jemand empor wirft und in der ausgestreckten Hand auffängt.
Ich träume, um zu erkennen.
Vielleicht gilt auch das Umgekehrte:
ich erkenne, um zu träumen, davon und danach.
Schatten erspäht
Dienstag, den 18. Dezember 2007Unterwegsbilder
Montag, den 17. Dezember 2007Bilder unterwegs
unterwegs mal rückwärts mal vorwärts
unterwegs
verkleinern sich, vergröbern, werden geweitet, kommen wie Heuschrecken
allein am Straßenrand
auf offenem Platz
hockend
nehmen Mahlzeiten fast wie wir nur dass wir
uns bloß anschauen sie bloß anschauen und dazwischen
dahinwandern die Hände im Butterbrotpapier
die Arme auf dem Rücken gefaltet.
Kein Kunstbegriff
Sonntag, den 16. Dezember 2007Fetisch & Trophäe
Samstag, den 15. Dezember 2007Fantas
Freitag, den 14. Dezember 2007
Phantasus ist der Titel einer Geschichte. Sie spielt vor vielleicht zweihundert Jahren.
In beträchtlichem Abstand, zeitlich. Dabei passt sie in alle Tage, die Figur, ihr Schicksal spukt mitten unter uns..
Hat sie eines?
Hat sie – und nicht nur eines.
Eine Phantasie, ein Wachtraum, nie ausgedacht, aber immer irgendwo in einer Ecke, an einem Zipfel erlebt und abgestellt. Lässt sich erinnern oder tritt von selbst in Erinnerungsräume ein, durch Türen, durch Mauern mit aufgemalten oder durchbrochenen Fenstern.
Phantas – vielleicht auch Mathias oder Mongree oder Monas mit Namen.
Bleibt sich gleich. Eine Phantasie jedenfalls, schweifend, stockend, manchmal neblig und trüb verhangen. Ähnlichkeit mit einer tristen Moorlandschaft mit stehenden poodles.
Ruft Strünke an einem Steilhang hervor, abgeschlagen. Dann Begegnungen mit Phantas in irgendwelchen regionalen Nachahmungen: kommt aus dickem Nebel als Rübezahl oder Bergfried, aus wabernder Sommerglut als Roggenmuhme entgegen.
Haben es mit Wolken. Reiten auf Wolken wie auf einem Berg- oder Eselsrücken.
Sie malen mit Tuchfetzen und vollgesogenen Schwämmen in die Luft und auf Mauerwerk.
Werfen ihre Gemälde. Schleudern sie weit in die Gegend.
Mit Wolken haben sie zu tun. Was sie einatmen, bleibt unsichtbar. Aber beim Ausatmen quellen Wolken hervor und bleiben flüchtig stehen, wie Atemluft in einem Gefrierraum.
hohes Auflösungsvermögen
Donnerstag, den 13. Dezember 2007
h.A.v.
wird unterschiedlichen Dingen zugeschrieben, insbesondere dem menschlichen Auge. Dieses ist berühmt für hohes Auflösungsvermögen. Auge festigt zwar einfallendes Licht in gewissen Umrissen, Konturen, löst andrerseits alles in seine kleinsten Bestandteile auf.[1]
Der mechanische Blick der Kamera findet seine Grenzen in der Körnung des Films, ebenso landet und endet die digitale Auflösung beim Pixel. Die Wahrnehmung, die das lebendige Auge vornimmt, geht da in der Zertrümmeru
ng und Auflösung – allerdings auch in der Wiederaufrichtung oder Herstellung – von Gestalten oder Erscheinungen, die vielleicht jeder chemischen, physikalischen und sogar optischen Grundlage entbehren, unendlich viel weiter.
Die Idee einer Substanz oder eines Agens mit hohem und höchstem Auflösungsvermögen geistert seit jeher durch die Köpfe alchemistischer Wissenschaften. Es war seinem Namen nach bekannt unter Alkahest. Eine arabische Wortbildung, wie Alkohol oder Alkaloid, die sich übrigens beide – auch von der Sache, vom Stoff her – alchemistischer Forschung verdanken.
Gründliche Arbeiten über das Prinzip, über die Wirkungsweise des Alkahest sind entweder nie angestellt worden oder nach der Ausarbeitung einfach verloren gegangen. Die Vermutung, sie seien womöglich aufgezehrt durch das Medium oder Sujet der Erforschung, Behandlung und Betrachtung, ist nicht von der Hand zu weisen. Ihr Verschwinden entspräche einer gewissen Sachlogik und wäre dazu der schlagende Beweis für die reale Existenz und Auflösungskraft dieser Essenz. Alle Forschungsresultate und sogar Thesen, die der Wahrheit des Alkahest nahe gekommen sind, wären ihr damit schon zu nahe gekommen und müssten in ihr verschwinden, wie Strahlen und Information in einem Schwarzen Loch. Mit dem Alkahest, als einer Art Basilisk im Blick, lässt sich kein Wissen akkumulieren, weder in Lauten noch in Zeichen. Sie erleiden das Schicksal aller Dinge und Gedanken, die damit – unmittelbar und unvermittelt – in Berührung geraten. Sie werden davon tingiert und somit restlos aufgelöst.
Wirksamer Einwand: beim Alkahest handelt es sich doch um etwas bloß Erdachtes, dem keine über die Gedankenform hinausgehenden Folgen zugetraut werden sollte. Einfach eine aus Beobachtung und Spekulation, aus Auflösungsängsten und Erlösungswünschen gewonnene und errungene Vorstellung. Bei den Alchemisten ein psychisches Prinzip, das den Weltkörper in all seinen Gliedern, Teilen und Organen durchdringt. Bei den italienischen Futuristen, diesen Enthusiasten einer grenzenlosen und entgrenzenden Beschleunigung, ein Symbol von Geschwindigkeit, die in ihrer höchsten Steigerung alles zum Verschwinden bringt.
In seinen Aspekten Erlös und Lösegeld weist sogar Geld Alkahestqualitäten auf.
Ob die so genannte Künstliche Intelligenz Wirkungen eines Alkahest zeitigen wird oder gar schon dabei ist, entsprechende Effekte auf Sachbestände und historisch gewachsene Lebensverhältnisse auszuüben, bleibt abzuwarten.
Ausgedachtes und Erfundenes sind nicht immer klar zu trennen. Sie gehören unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen an. Dennoch gibt es einen Punkt, eine Art Bodenluke, eine – normalerweise allerdings verschlossene – unmerkliche Öffnung, die hin und wieder ein Durchgehen, ein Passieren erlaubt. Aber es gehört ein Bild, ein Wink, ein Code oder ein Passwort dazu, wie Sesam oder Simsalabim, irgendwie sinnwidrig und entsinnend zugleich.
Dieses könnte Betonbunker in Nebel auflösen und würde gestatten, dass man durch Wolkengebirge wie durch Luftschlösser steigt.
[1] Hier liegen übrigens die Ansätze für Kunst als einer unendlichen Reise durchs immer wieder verflüssigte Sichtbare, durch ein Universum, das nach weitgehender Auflösung durch den Blick im Wechsel und Austausch von Anblick und Anschauung neu Gestalt annehmen kann
in der Tinte
Mittwoch, den 12. Dezember 2007Von Tag zu Tag in der Tinte sitzen, zwischen Bildschirm und Drucker.
Schreiben, am besten von dem, was man woanders gelesen haben könnte.
Fremde Lektüren aufschreiben, versuchen, in selbstgefärbten Worten wiederzugeben.
Worte an Land ziehen. Worte wie Boote, kieloben und schwankend.
Andere wie Umzugkartons, Laderäume, Gepäckträger.
Die fremden gelesenen oder gehörten Sätze treffen auf eigene Worte.
Sie laufen wie Wellen auf und verteilen sich über irgendwelche Strandflächen, Tragflächen, Solarzellen.
Sie nehmen Färbungen an und Tönungen auf, – aber nicht eher, als bis man aufzuschreiben versucht: Anliegendes, Anstoßendes, Vermutetes …
Aufnehmen im Aufschreiben.
Eigentlich ein Zitieren: zwischen den Gänsefüßen formieren sich Sinn und Bedeutung und brechen auf zum Zug, zum Marsch in einer Kolonne, die vom Ende zum anderen reicht.