Monatsarchiv für Oktober 2007
Haben wir
Freitag, den 26. Oktober 2007Einmanngewerkschaft
Freitag, den 26. Oktober 2007Wetterlage, Rechtslage
Freitag, den 26. Oktober 2007„Außerdem sagte Jesus zu den Leuten: Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr denn die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“[1]
Eine schwierige Stelle. Ein Deutungsversuch:
Wie kommt Jesus dazu, meteorologische Phänomene in Vergleich zu bringen mit Zeichen, mit Anzeichen, die sich aus der Zeit ergeben, aus dieser Zeit?
Sind die Menschen nicht überfordert, wenn ihnen ein Urteilsvermögen abverlangt wird, das sich auf die Deutung politischer, sozialer oder anderer Zeitströmungen bezieht?
Und wenn sich schon die Meteorologen in ihren Wetterprognosen ständig vertun, wie sollen da Zeitgenossen zu einer zutreffenden Einschätzung, zu einer „richtigen“ Beurteilung ihrer Zeitläufe, ihrer aktuellen oder auch chronischen Situationen gelangen können?
Für Jesus stellen sich die Dinge offenbar anders dar. Die Leute beschäftigen sich mit Wind und Wetter, mit Witterungen und Klimafragen, während sie Naheliegendes, was sie ganz unmittelbar betrifft, außer acht lassen.
Dass sie sich versiert geben in der Beschäftigung mit Fernliegendem, mit Äußerlichkeiten, dabei aber die Beachtung und Beobachtung naheliegender, sie unmittelbar betreffender Kernfragen vernachlässigen – vielleicht wird das zum Vorwurf gemacht?
Der hier zitierte Text ist der sogenannten Einheitsübersetzung entnommen. Dort hat der Absatz die Überschrift „Von den Zeichen der Zeit“.
Allerdings scheint unsere Vorstellung von Zeit an dieser Stelle korrekturbedürftig.
Das Griechische hat für Zeit chronos, während im Urtext kairos steht, das sich eher auf den gegebenen Augenblick bezieht. Oder, um es in einem Wortspiel auszudrücken, auf die in den zeitlichen Angelegenheiten gebotenen Gelegenheiten. Dann könnte man für kairos in diesem Fall Situation sagen.
Der Vorwurf der Heuchelei, den Jesus gebraucht, ist hart. Er beinhaltet wohl, dass die Leute scheinbar schön und sachkundig über das Wetter reden, um sich nicht einzulassen auf die eigene generell prekäre Lebenslage. Die Heuchelei zeigt sich in einer Verschiebung der Aufmerksamkeit, in einer Verkehrung des Interesses, das sich externen Erscheinungen zuwendet und abkehrt von den „eigentlichen“ Anliegen und Aufgaben, die der aktuelle Zeitpunkt, die Konfrontation mit Gegenwart präsentiert, die faktische – oder vielmehr nicht nur faktische – Situation. Lebenslage als Rechtslage.
Davon ist im Anschlusstext die Rede. Er erläutert das aktuelle Moment, den Brennpunkt oder Fokus im Zeitpunkt: Zwist, Auseinandersetzung, Streit und Widerstreit, Klage und Anklage bilden ein unausweichliches Grund- und Lebensthema:
„Wenn du mit deinem Gegner vor Gericht gehst, bemüh dich noch auf dem Weg, dich mit ihm zu einigen. Sonst wird er dich vor den Richter schleppen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und der Gerichtsdiener wird dich ins Gefängnis werfen. Ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.“ [2]
Die Gerichtssituation ist leitmotivisch, aber nicht nur als unausweichliche Bedrohung, sondern als Motivation und Gelegenheit zu einer frühzeitigen, zu einer rechtzeitigen Versöhnung, zu einer Aussühnung zwischen Gegner und Gegner.
Bei der Beurteilung des jeweils gegebenen Augenblicks oder Lebensmoments geht es nicht um ein bloßes Wähnen oder Meinen, wie bei der Einschätzung der Wetterlage, sondern um einen forensischen Akt. Man steht und geht in einem Prozess, man bewegt sich auf einen Prozess zu, dem man durch versöhnliche Angebote und geschicktes Verhandeln entkommen, aus dem man mit Einsicht und bei kluger Anerkennung der – zunächst vielleicht abstrus erscheinenden – Rechtslage freikommen kann.
Die angedeuteten Abläufe finden sich häufig als ausgelagerte vor. Sie finden ihre externen Schauplätze und Austragungsorte, zu denen sicherlich auch Witterung, Wetter und Wirtschaftsprognosen gehören, samt den Auseinandersetzungen, die darüber geführt werden können.
Aber Gegnerschaft und Widersache sind zuletzt und zunächst interne, fast intime Angelegenheiten.
Mit Rücksicht auf Kontrahenten die eigene Partei ergreifen – ein lebenslängliches Unterfangen, ebenso elementar wie komplex.
[1] Lukas 12, 54-57
[2] Lukas 12, 58-59
Begrüßung
Donnerstag, den 25. Oktober 2007Traum Greater New York
Donnerstag, den 25. Oktober 2007Einen Herbsttag lang unterwegs und dabei Weg und Richtung in bunter Landschaft verloren. Durch zwei Hausmauern hindurch. Dort sitzt eine Gruppe von Menschen, eine Großfamilie oder Sippe. Die haben sich hier, in einer italienischen Fluss- und Küstenlandschaft südlich von New York irgendwann angesiedelt. Beratung mit ihnen, Wegsuche über ausgefalteter Karte. Dabei sind alle behilflich, groß und klein. Die vielen Zeigefinger gehen über das Gebiet, das Greater N.Y. auf der Karte einnimmt. Bei der Erkundung des Rückwegs, der eingeschlagen werden muss, um die unüberquerbaren Highways, dicken Verkehrsadern und breiten Gewässer zu umgehen, meint eine Frau aus der zweiten oder dritten Generation, ich kenne Sie, habe Sie auf der Lister Meile gesehen. Sie sagt das auf deutsch. Der Angesprochene erinnert sich nicht. Fragt zurück, how long ago? what did I look like? sah ich mir ähnlich? Oh really, you see, our world is shrinking.
Zwei der Jungs sind so freundlich, ein Stück des Wegs in einem Fahrzeug mitzunehmen. Man hätte nach Manhattan fragen sollen. New York City ist riesig und bedeckt eine Fläche von mehreren Tagesreisen. Der Weg mit den eingegrabenen Radspuren wird oberhalb eines Flussufers immer dünner und verliert sich in einer steil abfallenden Böschung. Man bedankt sich, steigt aus und geht davon. Im Davongehen, den Rucksack auf dem Rücken, die Daumen unter die Schultergurte geklemmt, Erinnerung, kräftige innere Anschauung einer skizzierten Gestalt. Sie enthält die Umrisslinie eines ausgestreckten Arms, von Jesus selbst bei seinem unbemerkten Vorübergehen gezogen. Staunen über dieses Ereignis, Ergriffensein. Auch leichtes Bedauern über den Verlust der Zeichnung, überflogen von der Einsicht, dass sie sich so vielleicht tiefer eingeprägt hat, als wenn sie geblieben wäre.
Inzwischen auf einer Anhöhe angelangt. Der Blick geht über hügelige Landschaft und trifft auf ein Ortsschild: WILNA. Ahh, endlich wieder vertrautes Gelände!
unterwegs
Donnerstag, den 25. Oktober 2007auf Krähenfüßen
Mittwoch, den 24. Oktober 2007Krähe am Rande des Lichtenbergplatzes: schau zu, die Welt hat sich mächtig verändert.
Passant, gleichfalls am Rande: sieh mal, es stimmt!
Ja, seitdem Krähen in den Städten zuhauf sind, zahlreich wie die Tauben überm Markusplatz – es hat sich alles verändert.
Man schaut sich um: es ist nichts mehr wie früher.
In der Krähenwelt, in kürzester Frist, binnen weniger Jahre – alles ist anders geworden.
In der Menschenwelt: man erkennt sich kaum wieder.
Das liegt, meinen beide, Krähenwelt und Menschenwelt, liegt daran: man kann sie nicht trennen.
Wenn die eine Welt wandelt, dann wandelt die andere auch.
Ragt diese in jene hineinragt, ragt jene in diese zurück.
Sie durchdringen einander.
Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, wo die mit den nackten Armen schwarze Flügel anlegen und ins Blau hineinrudern.
Und die mit den Schnäbeln schlendern in weißen Hosen und T-Shirt über Plätze hinweg, wo Bäume bis in den Himmel hoch stehen. Entlang in abfallbestückten Gassen, auf Straßen, wo an den Bordsteinen reich gefüllte Müllkörbe stehn.