Doppeltür
Mittwoch, den 26. September 2007Schließ auf
geh durch
mach zu
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Träume zeichnen auf, sind automatische Aufzeichnungen.
Sie zeichnen auf, sie zeichnen ab.
Was ist zeichnen?
Ein Vorgang zwischen schreiben und malen.
Traum als Skizze, spontaner Entwurf.
Traum als Sketch, als eine Art Stegreiftheater mit einer stark zugespitzten, in ihrer Zielrichtung aber nie wirklich verständlichen, nie wirklich zutreffenden Pointe.
In der zurückliegenden Nacht in Irland gewesen. Ganz anders als die grüne Insel, die man aus Berichten und Reiseführern kennt. Hohe Gebirge im Westen, südliche Cafés an der Nordküste. Keinerlei Problem mit der schwierigen Sprache, die unter den Leuten gesprochen wird.
Manche von ihnen setzen sich bei schönem Wetter unter Sonnenschirme an den Straßenrand, unbekümmert um Bautätigkeiten, die dort vorgenommen werden. Dem Radfahrer, der im Vorbeifahren ihren Schirm streift und anhebt, lächeln sie von unten freundlich zu, als wollten sie eine Aufmerksamkeit, eine Begrüßung erwidern. Schön und gut. Aber warum in aller Welt Irland?
Irgendwann früher trugen Dichter noch Ärmelschoner, beim langen Schreiben abends, um die Ellenbogen nicht wund zu scheuern.
Um den Nacken zu entlasten, trugen sie die Köpfe in Schlingen, die von der Decke herabhingen.
Schreiben – was für eine Arbeit, den Federhalter immer neu ins Fass mit Tinte zu tunken.
Wie mühsam, beim Führen des Schreibgeräts bei Kerzenlicht oder Kienspan immer wieder dem Schatten auszuweichen, den die schriftstellende Hand aufs Papier warf.
Was für eine lächerliche Aktion, Worte und Sätze noch einmal zu schreiben, wenn man im Dämmerlicht und im Eifer des Schreibens tintenlos geschrieben, praktisch ungeschrieben hatte.
Wie ärgerlich die Unterbrechungen, wenn beim Schreiben mit Stift dieser neu gespitzt werden musste, unter Verwendung eines Federmessers, dessen Handhabung nicht immer ohne Verletzungen abging.
Poeten in Schlafröcken, die sich nachts aus den Betten erheben, um einen Vierzeiler zu Papier zu bringen, sind vielleicht schon immer Ausnahmen. Aber auch sie Exemplare ungewöhnlich heftiger Berufung.
Frage: wie lagen die Dinge, als die Schriftsteller ihren Text noch in Wachstäfelchen drückten? Und wie, als alles noch mit Griffeln in Stein geritzt werden musste, in unnachgiebige Stoffe, in Felswände, Alabasterplatten und Marmor?
Wie lief das mit den Federkielen, die man Gänsen und Schwänen ausrupfen musste, um dem geflügelten Schriftstellen nachzugehen?
Was für Gefühle mögen den Schreiber beschlichen haben, der sein Lebenswerk auf Tontafeln geschrieben hatte, das dann im überhitzten Brennofen in tausend Stücke zersprang?
Pergament: ein karger Raum, wo nicht einmal Radieren möglich war. Da mussten die geschriebenen Buchstaben, Worte und Sätze mit Klingen abgeschabt werden. Kratzwerkzeuge, die bereits stumpf waren von der Rasur der bei der Arbeit wachsenden Bärte. Stumpf auch vom Abschaben der Tierhäute, vom mühsamen Roden neuer Schreibflächen.
Heute haben Schreiber das Glück, unendlich ausufern zu können. Nachträgliche Einfügungen, Löschungen und Fußnoten breiten sich leichthändig aus, während Generationen vor uns auf Lederhäuten eingepfercht waren.
Schreibleidenschaft: früher wie Dschungeldurchqueren, Materiendurchgraben oder Sandkörnerzählen.
Heute setzt man sich hin, schreibt leicht in helles Revier, speichert ab und die winzigste Zuckung, der flüchtigste Anhauch bleibt oder geht.
Bei einer großen religiösen Feierlichkeit dabei. Die Teilnehmenden sitzen in Reihen und haben jede und jeder ein frisch gedrucktes Buch überreicht bekommen. Darin blättern sie und studieren die Artikel und Kapitel der Glaubenswissenschaft, die in diesem frischen weißen Buch niedergelegt sind. Der Veranstalter hat keine Mühe und keine Kosten gescheut, es im Photoshopverfahren herzustellen. Zwischen den Stuhlreihen gehen Leute hin und her. Ganz hinten stehen einige Dutzend und verfolgen gespannt das Geschehen, das sich auf einer nicht ohne weiteres sichtbaren Bühne abspielt. Dabei sind Gehende wie Stehende bemüht, den anderen nicht die Sicht zu versperren. Sie bewegen sich gebückt, verschwinden gleichsam und richten sich erst in den Lücken wieder auf, wo sie sicher sind, keinen anderen Blick zu unterbrechen.
Beim Blättern im Buch entdeckt man Abfolgen von Stahldrucken, die gewisse religionsgeschichtliche Abläufe eindrucksvoll darstellen. So wird zum Beispiel der Prozess der Schwärzung gezeigt: erst an einer männlichen Figur, die mit einem schwarzen zylinderartigen Kopfbedeckung auftritt. Das nächste Bild auf der folgenden Seite zeigt Personen, wo auch die Manschetten und Teile im Kragenbereich schwarz eingefärbt sind. Auf dem letzten Bild dieser Serie sind alle Akteure wie mit Tinte oder Tusche übergossen. Sie erinnern an lauter Schwarze Peter im Kartenspiel.
Das Buch ist gratis verteilt worden. Jetzt geht jemand durch die Reihen und bietet eine Ergänzungsbroschüre an, die gegen einen bestimmten Geldbetrag erworben werden kann.
Beim Durchblättern stößt man auf den Begriff Aunte. Er verläuft auf dem Seitensteg zum unteren Seitenrand hin. Es handelt sich wohl um einen Ritus, der hier unter diesem Titel dargestellt wird. Sonderbar, dieses Wort ist noch nirgends begegnet, in keiner der bekannten religiösen Sphären. Steht Aunte in irgendeiner Entsprechung zu Kommunion oder Konfirmation? Meint es vielleicht eine bestimmte Form der Taufe?
Hinter den Sitzreihen, wo man in lockeren Gruppen steht und das eindringliche, aber eigentümlich entzogene Geschehen auf der Bühne verfolgt, kommt es zum Gespräch zwischen einem Laien und einem Geistlichen. Es geht um die sakrale und spirituelle Funktion von Kerzenlicht, die der Geistliche mit einer andächtigen Bewegung bestätigt, eine Bewegung, die Brust und Kopf zugleich erfasst und durchläuft. Aus einem plötzlichen Impuls und aus eigener Erfahrung heraus gibt der Laie zu bedenken, dass in der leuchtenden Kerzenflamme immer wieder Mücken, Falter und andere geflügelte Kreaturen einen jähen Verbrennungstod erleiden. Spricht das nicht gegen die Verwendung von Kerzenlicht im frommen Haushalt, im religiösen Bereich? Wie reagiert der Geistliche darauf? Nach einem Anflug von Irritation fasst er sich und gibt auf der spirituellen Ebene eine Antwort, die dem dabei aufwachenden Laien entgeht.
Heute ansatzweise ein hohes und weites niedersächsisches Maisfeld durchquert, in gebückter Haltung.
Dann zurückgeschreckt und aufgegeben wegen des vielen Schilfs darin.
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Dann weiter entlang in Niedersachsen, einem Wasserlauf folgend.
Hier haben Gerber vor Jahrhunderten ihre Lohe ausgegossen. Davon ist es heute noch braun wie Leder, das Wasser, sobald es hindurchfließt zwischen den Wiesen und dem Buschwerk, das die Gerber so derb koloriert hinterlassen haben.
Manchmal in der Nacht, beim Aufwachen aus einem plastischen und dramatischen Traum, stellt sich der Wunsch ein, Szenen zu erinnern, in der Vorstellung zu wiederholen. Oft bizarre Vorkommnisse, wie eine planmäßig erfindende Phantasie sie niemals ausdenken kann. Aber dann dreht sich der Schläfer auf die andere Seite, von Traumregionen gerufen, die sich im Weiterschlaf auftun, wie Gebirge, Kämme und Kessel bei Fernsicht und Föhn.
Im Verlauf des darauf folgenden Tages können sich einzelne Szenen wieder einstellen. Beim Öffnen einer Schublade mit Besteck wird an den Reisenden erinnert, der einen großen Koffer über eine Schalterbank schiebt und in große Verlegenheit kommt. Der Koffer stößt auf halbem Weg an und rutscht auf die Füße, weil die Öffnung vermauert ist, weil es den Schalter gar nicht mehr gibt. Oder beim Zahlen an der Kasse, beim Wühlen zwischen den Münzen wird der bedauernswerte Familienvater präsent: an der Grenze hat er seine letzte Barschaft für Naschwerk ausgegeben. Nun läuft er vergeblich von Stand zu Stand, um die fällige Gebühr für den Grenzübergang entrichten zu können. Traumreste, die einen anfliegen, wie der säuerliche Geruch aus der Brotfabrik bei Bornum, wenn dort gelüftet wird und der Wind plötzlich dreht.
than und then sind nicht dasselbe.
Sie haben unterschiedliche Bedeutungen.
Aber es gibt irgendeinen Grund, der ihr Auseinanderhalten erschwert.
Dieser Grund ist noch triftiger, das Auseinanderhalten noch schwieriger geworden, seitdem auch im Deutschen denn und dann zusammenfallen:
also dann bis denn!
Ein lateinischer Merkspruch:
vacua in vacua vicarunt, leere Räume irren in leeren Räumen umher
Außer ihnen gibt es dort nichts.
Sie füllen mit ihrem Umherirren, mit ihren Bewegungen und Streifzügen den Leeraum, das Vakuum, ein ganz klein wenig an. Trotzdem bleibt es leer. Es ist sogar denkbar, dass es ohne diese minimale Anfüllung seinen Sinn, seine Bedeutung, ein Vakuum, eine Leere zu sein, einbüßen würde.
Die Lateiner müssen vor den Experimenten, die später zur künstlichen Erzeugung von Leere angestellt wurden, vom natürlichen Leerraum gewusst haben.
Der zitierte Merkspruch beweist es.
Das Umherirren oder Vikarieren der leeren Räume im leeren Raum ist ein Rätsel und Phänomen, das Philosophen, Physiker und Astrophysiker seitdem zusammenbindet.
Es besagt, dass der einheitlich erscheinende Leerraum eigentlich zusammengesetzt, aus beweglichen Bestandteilen zusammengesetzt ist. Das kosmische Vakuum ergibt sich aus der Bewegung seiner ebenfalls leeren kosmischen Elementarteile.
Jeder Mensch träumt. Aber nur manche Menschen gelten als Träumer. Sie haben eine Nachtfunktion in den Tag eingeschmuggelt. Sie setzen im Wachzustand fort, was nur Schlafenden zukommt. Normalerweise: wer einmal erwacht ist, will von Schlaf und Traum nichts mehr wissen. Träumer nennt man Personen, die wirkliche Wachheit nicht schaffen. Aufgewecktsein, kostbare Errungenschaft: dort will man von Traum und Schlaf nichts mehr wissen. Anders die Träumer: sie bleiben weiterhin schweben und hängen in einem Gespinst aus Ahnung und Gegenwart, an dem sie untätig mitspinnen. Sie erinnern daran.
Träumer verlangsamen ihre Motorik, das Tempo der Welt. Bewegen sich zögerlicher, entrückter. Irgendwie mit Charme und eindrucksvoller Sicherheit. Ein traumwandlerisches Element, das in ihnen steckt. Sie kommen den Seiltänzern gleich, die auch wie ihr oder wir sind. Vielleicht deutet „ach, du Träumer!“ auf Wirklichkeitsschwäche, die sich zwischen Träumern und Nichtträumern einstellt. Ein Defekt, der beide Seiten tangiert. Sie partizipieren beide am Alltag.
Doch die einen halten Steine für Wolken und verhalten sich so. Für die andren gibt es das nicht. Deren Welt ist gestrafft, um viele Hinsichten klarer und ärmer. Für die einen gibt es vieles, was es für die anderen nicht gibt. Man wägt, kalkuliert und rechnet Risiken aus. Nicht so die Träumer. Sie lassen zukommen ohne vorher zu packen. Eintretendes, Löwengruben, Feueröfen, Sirenengesänge. Natürlich Täuschungen alles. Aber Tatsache ist: die Löwen beißen sie nicht, das Feuer verbrennt sie nicht, Sirenen und Sphinxen erwürgen sie nicht. Sie gehen relativ unbeschadet hindurch, betreten andere Seiten, andere Ufer, andere Schnittflächen und -stellen, im Prinzip wohlbehalten.