27. Januar 2012
Die alten Naturforscher haben herausgefunden, dass die Schwermut als zäher und dickflüssiger Strom aus der Milz in den Blutkreislauf fließt. Es handelt sich um keine sichtbare oder messbare Substanz, aber umso fühlbarer und beobachtbar sind die Wirkungen, die dieser schwere und finstere Ausfluss in Verfassung und Verhalten der davon Betroffenen auslöst.
Man hat den melancholischen Erguss mit Lava verglichen, die rotglühend aus dem Innern der Erde hervorkommt und nach Verlassen des Kraters, also der Milz oder der Galle, wie andere meinen, zu einem rasch sich schwärzenden, erkaltenden und erstarrenden Strom wird, zwischen dessen Verzweigungen nur noch einzelne Inseln mit grünen Baumkronen, die Blätter am Rande versengt, übrig bleiben. Das sind dann die abgeschnittenen Erinnerungsaufenthalte der Seele, aber ganz in Dampf und Rauch gehüllt.
Physiochemisch gesehen hat dieses Milzsekret Verwandtschaft mit dem indianischen Pfeilgift Curare. Es führt eine Lähmung bestimmter psychischer Funktionen herbei, eine Art innerer, von konvolusionsartigen Schmerzen begleiteter Starrkrampf. Man wird wie aus Zement oder Blei, nimmt jedenfalls eine derartig dichte Beschaffenheit an, dass alle feineren und hochfrequentigen Schwingungen gleichsam abgeblockt werden.
Diesen Zustand nennt man den ‚bleiernen König in der Dunkelkammer’. König, weil der Betroffene jenem vorderasiatischen Herrscher gleicht, durch den alles, womit er in Berührung kam, zu Gold erstarrte. Dunkelkammer, weil der Aufenthalt dort überaus finster, dabei aussichtslos und ungesund ist.
Melancholie ist Verstockung des Gemüts, eine Art
Gemütsstarrsinn. Was eigentlich schweben und quirlen sollte, ist auf einmal festgebacken, geronnen wie unter der Einwirkung geheimnisvoller Konglomerationskräfte.
Der hebräische Ausdruck “kaschah ruach” gibt zu verstehen, dass jener Seelenteil, der nach unten und oben beflügelnd hin und her schweben sollte, bis zur Unbeweglichkeit verhärtet und versteinert ist. Die “ruach”, das Geistprinzip, ist zum Klotz geworden, der alle Eingänge und Ausgänge sperrt.*
*) geschrieben am 27. September 1990
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26. Januar 2012
In biblischer Sprache bindet sich an das Bild der Wolke Verheißung. In der Dürrezeit bringt sie Regen. Sie steigt, auf Gebet hin, überm Horizont auf, erst klein wie eine Kinderhand, um sich dann über den ganzen Himmel zu breiten und herabzuregnen, eine Erquickung für alle Kreatur. Auf Wolken fährt der Himmelsthron dahin und auf Wolken kommt einst der Messias und steigt zu Mensch und Tier herab.
In den „Aufzeichnungen“ heißt es: „Alles was ihn entzückt, zieht als Wolke über die Erde.“* Hoffnung und Illusion betten sich auf ihr und in ihr. Sie verstreichen. Beide verschwinden restlos, will man in einer Wolke Gewisseres oder gar Handfestes finden.
*)Elias Canetti, Nachträge aus Hampstead, Zürich 1994, 38
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25. Januar 2012
„Ein Mensch, der sich noch nie gesehen hat.“ *
Von wem redet hier der Autor? Von einem anderen oder von sich selbst?
Offensichtlich schaltet / scheidet er Spiegel, reflektierende Oberflächen und dergleichen grundsätzlich aus. Er erkennt sie nicht an als Medien, in denen ein Mensch sich sehen kann.
‚Sich sehen’ meint wohl eine Konfrontation, die über die Begegnung mit dem schattenhaften eigenen Spiegelbild oder Lichtbild (Foto) hinausgeht. Angedeutet wird ein Vollzug, der außerhalb der üblichen Sichten und Sehweisen liegt.
„Hast du nicht gesehen?“
„Nein, ich war mir zu rasch, ich hab mich nicht sehen können.“
Das ist immer wieder so. Die Eigenansicht: zu flugs, im Fluge da, im Fluge wieder davon.
„Ich hab nichts von mir sehen können.“
„Könnte es sein“, wird gefragt, “dass du gerade eben, im flinken Verschwinden, noch deinen Rücken erspäht hast?”
„Ja, könnte sein, etwas Flatterndes, ein Zipfel, ein paar Fransen, könnte ein wehendes Ende gewesen sein.“
Es ist ein wenig wie beim Blitz, der für einen kleinen, aber bedeutenden Augenblick nur sein Echo hinterlässt, den Donner.
*) Elias Canetti, Nachträge aus Hampstead, Zürich 1994, 35
Was haben dir alle Menschen voraus?
Dass sie dich sehen, ohne dass du dich je vor Augen bekommst.
Aber lass mal. Sie sind nicht zu beneiden. Es ist ein hauchdünner und obendrein problematischer Vorsprung, mit dem sie davoneilen.
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24. Januar 2012
Karyatiden

bringen ES

auf dem Tablet
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23. Januar 2012
Erfindung lehrt. Das ist der außerordentliche Sinn, den sie gibt.
Vielleicht sagt man besser: den sie verleiht. Denn nach einiger Zeit nimmt sie ihn zurück. Als Erfinder hast du keinen Anspruch auf diesen Sinn. Du hast ihn nicht erfunden. Das kann dir eine Lehre sein. Du kannst es auch getrost vergessen. Deine nächste Erfindung wird dich erneut – und vielleicht eines noch Besseren – belehren.
„Ich muss mich wieder von meinen Erfindungen tragen lassen, ohne zu wissen, wohin ich geraten werde.“ *
*) Elias Canetti, Nachträge aus Hampstead, Zürich 1994, 36
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22. Januar 2012
“Freundlicher …

… geht es hier zu …

… als hinter den Aleuten”
euer Fred
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22. Januar 2012
ohne Zaunpfahl
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22. Januar 2012

Es ist alles schon da.
Womöglich geht es beim Herstellen nur noch darum
abzutragen, hervorzuholen, hinzustellen.
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21. Januar 2012
„Der Himmel als Sieb“ *, durchlässig und abhaltend zugleich.
In einer jesuanischen Bildrede wird der Himmel mit einem Netz verglichen (Matthäus 13,47).
Aber warum nicht auch ein Sieb?
In einem Netz, das durchs Wasser gezogen wird, fängt sich Treibendes, Schwimmendes, Tauchendes – bloß alles Fließende strömt ungehindert hindurch.
Canetti fragt nicht danach, was im Himmelssieb hängen bleibt.
Ihn interessiert die Welt, „eine Welt unter einem solchen Himmel“. *
Wie sieht sie aus? Von welcher Beschaffenheit könnte sie sein?
„Das veränderliche Himmelssieb, je nach dem Verhalten der Menschen.“ *
Sind z.B. große Löcher wünschenswert, sollen die Öffnungen weit auseinander oder eng zusammen stehen? Passieren die Elemente, Ströme oder Teilchen von unten nach oben oder gibt es ein starkes Streben und Drängen von oben, aus dem Himmel zur Erde hinab? Befindet sich die Tiefe, aus der alles kommt, zu der alles geht, über oder unter dem Sieb?
Wer rüttelt es, dieses Sieb, den Himmel mit all seinen Poren, Lichtern, Nebeln und Sternen?
Weltgeschichte könnte sein alles, was durchs Himmelssieb passiert, staubfein gemahlen.
Vielleicht gehört der Thronengel Metatron zu den Wesen dort oben, die den Schatz, der sich aus dem Verhalten und den Tätigkeiten der Weltbewohner ansammelt, zwischen steinernen Rädern zermalmen. Andere sind diejenigen, die davon herabregnen lassen, das Feine zum Segen, das Grobe zum Fluch, Hagel und Hauch.
Die Geschichte vom Manna, vom „Brot“, das während der Wanderung durch die Wüste vom Himmel herabfiel, könnte nun neu gelesen werden.
*) Elias Canetti, Aufzeichnungen 1973-1984, München/Wien: Hanser 1999, 67
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20. Januar 2012
Lange nichts mehr von der inneren Stimme gehört.
Ein gutes Zeichen. Vielleicht.
Es kann bedeuten, es läuft schon alles ganz gut, keine Zwischenrufe notwendig.
Sie schaltet sich nicht mehr ein, fast automatisch, die innere Stimme.
Sie schweigt. Ein Schweigen, beredt. Es könnte Zustimmung meinen.
Es gibt zu verstehen: du weißt schon, du hast das alles auswendig. Du brauchst keine inwendigen Anweiser mehr, keinen Souffleurkasten irgendwo zwischen den Ohren.
Es läuft doch auch ohne ganz gut.
Also schon lange nichts mehr von Innen gehört. Keine Stimmen, keine Einwürfe, keine Kommandos. Erstaunlich – man kann sich auch d a r a n gewöhnen, an diese ungeheuere innere Stille, mit Ohrengeräuschen in der Peripherie: ein unentwegtes Klingeln und Sirren, das vielleicht von einem entfernten Tinnitus kommt, einen Dauerton abgibt, der an eine ferne Brandung erinnert. Eine ozeanische Ahnung, ein Echo von Weltmeer.
Jetzt teilt sich alles bedachter und stimmiger mit, in Anwandlungen, Gefühlen, Impulsen, die ebenso unmerklich wie fließend zu unspektakulären Vorgängen und Abläufen fortschreiten. Sie kommen dazu, werden das – gehen leichtfüßig wieder davon, mit Wink und sachter Empfehlung an dies oder das, was nach ihnen kommt.
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